Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wird Übersetzen für Frauen zur Erwerbsquelle und zum politischen Werkzeug. In Jenny Hirschs (1829–1902) Wirken verbinden sich beide Ebenen und verleihen der frühen Frauenbewegung in Deutschland neue Durchschlagskraft.

Im „langen“ 19. Jahrhundert trafen in Deutschland zwei Entwicklungen aufeinander, die zunächst getrennt erscheinen, im historischen Verlauf jedoch zunehmend miteinander verknüpft waren. Zum einen etablierte sich der Übersetzungsberuf als eigenständiges Arbeitsfeld und eröffnete auch Frauen neue Erwerbsmöglichkeiten. Zum anderen nahm die Politisierung von Frauen zu, und sie organisierten sich zunehmend in Vereinen und Verbänden. Unter diesen Bedingungen erhielt das Übersetzen für die ab den 1860er Jahren entstehende Frauenbewegung zentrale Bedeutung: Es diente ihren Akteurinnen als Einkommensgrundlage, ermöglichte Eingriffe in öffentliche Debatten und brachte zentrale Bezugstexte in Umlauf, die der Bewegung Orientierung und Legitimation lieferten.
Einer der frühesten und zugleich wirkungsmächtigsten Momente, in denen sich diese Funktionen überlagerten, stellt die deutsche Übersetzung der feministischen Streitschrift The Subjection of Women (dt. Die Hörigkeit der Frau) dar, die die jüdische Publizistin und Frauenrechtsaktivistin Jenny Hirsch (1829–1902) im Jahr 1869 vorlegte.1 Der Text des britischen Philosophen und Nationalökonomen John Stuart Mill (1806–1873), der unter maßgeblicher Mitwirkung von Harriet Taylor Mill (1807–1858) entstanden war, forderte die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen und kritisierte ihre institutionell verankerte Unterordnung in Ehe, Recht und Gesellschaft.2 Rasch avancierte er in ganz Europa zu einer „wahren Bibel der Feministinnen des 19. Jahrhunderts“.3
Dass er durch Jenny Hirsch auch in Deutschland eine solche Wirkmacht entfalten konnte, ist jedoch nicht allein inhaltlich zu erklären, sondern hängt zunächst mit dem veränderten Stellenwert der Übersetzungstätigkeit in der deutschen Literaturszene in den Jahrzehnten zuvor zusammen.
Das Übersetzungswesen in Deutschland im 19. Jahrhundert
Noch um 1800 galt Deutschland als „Übersetzernation“4 Europas. Diesen Ruf prägten vor allem die theoretischen und praktischen Übersetzungsleistungen einflussreicher Gelehrter wie Johann Wolfgang von Goethe, August Wilhelm Schlegel, Wilhelm von Humboldt oder Friedrich Schleiermacher – doch auch Frauen aus ihrem Umfeld trugen dazu bei. Im frühen 19. Jahrhundert veränderte sich der Stellenwert des Übersetzens jedoch deutlich. Aus einer Tätigkeit, die zuvor als Teil gelehrter Autorschaft galt, wurde zunehmend eine gering geschätzte Erwerbsarbeit, die als „weiblich“ und damit „minderwertig“ wahrgenommen wurde.
Dies ging auf das Zusammenspiel mehrerer Entwicklungen zurück: Bereits seit dem Ende des 18. Jahrhunderts kommerzialisierte sich der Buchmarkt, die Leser*innenschaft weitete sich aus, und das Interesse an fremdsprachiger Literatur, am „Unbekannten“, „Anderen“ und „Neuen“ nahm spürbar zu.5 Zugleich fehlte in weiten Teilen Europas ein wirksamer Rechtsschutz für Übersetzungen; sie konnten ohne Zustimmung von Autor*in oder Verlag rasch angefertigt und wiederholt auf den Markt gebracht werden.6

Für viele Verlagshäuser wurden Übersetzungen damit zu einem attraktiven Geschäftsfeld. In Deutschland entstanden um die Mitte des Jahrhunderts regelrechte „Übersetzungsfabriken“. In diesen Betrieben arbeiteten neben Studenten, Bibliothekaren und Lehrern auch Frauen, häufig aus bürgerlichen Familien, die als „höhere Töchter“ über Sprachkenntnisse verfügten. Zeit- und Konkurrenzdruck sowie stark schwankende Honorare machten das Übersetzen zunehmend zu einer schlecht abgesicherten und oft gering entlohnten Erwerbsarbeit; nicht selten gingen damit auch Qualitätseinbußen einher.7
Gleichzeitig eröffnete es – häufig ergänzend zu anderer Erwerbsarbeit – einer größeren Zahl von gebildeten Frauen ein eigenes, wenn auch meist begrenztes Einkommen und damit mehr Spielraum für eine selbstständigere Lebensführung.
Jenny Hirsch: Schriftstellerin, Übersetzerin und Frauenrechtsaktivistin
Auch Jenny Hirsch verschaffte sich unter anderem durch Übersetzungsarbeiten ein eigenes Einkommen, das ihr ermöglichte, sich außerhalb ihres Herkunftsortes eine Existenz aufzubauen und zugleich ihr wachsendes Engagement in der bürgerlichen Frauenbewegung abzusichern. Die dafür notwendige Sprachkompetenz hatte sie sich im Selbststudium angeeignet – während sie in Zerbst (Herzogtum Anhalt) den Haushalt führte, ihren Vater pflegte und zum Unterhalt der Familie beitrug.8

Auf dieser Grundlage erfolgte 1860 der Umzug nach Berlin, wo sie zunächst eine Stelle als Redakteurin des Damen- und Modeblatts Der Bazar antrat; später arbeitete sie zudem als Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und Schwedischen und schrieb für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Diese Kombination aus journalistischer, publizistischer und Übersetzungsarbeit sicherte ihr ein regelmäßiges Auskommen und verschaffte ihr zugleich wachsende öffentliche Sichtbarkeit.9
Hirsch verfolgte diese unterschiedlichen Tätigkeiten auch dann weiter, als sie sich in politisierten Zusammenhängen zu bewegen begann. Während ihres langjährigen Engagements im Lette-Verein, in dem sie sich ab 1866 über siebzehn Jahre hinweg für die Verbesserung der Bildungs- und Erwerbsmöglichkeiten von Mädchen und Frauen einsetzte, bestritt sie ihren Lebensunterhalt weiterhin durch Übersetzungs-, Schreib- und Redaktionsarbeiten. Insbesondere in den 1860er Jahren übertrug sie zahlreiche Unterhaltungsromane und Erzählungen ins Deutsche.10
Am Beispiel Jenny Hirsch wird der Zusammenhang zwischen Übersetzen als Erwerbsarbeit und frauenpolitischem Engagement deutlich: Als zugängliche Einkommensquelle eröffnete Übersetzungsarbeit Frauen eigenen Handlungsspielraum, der Mobilität und die Teilnahme an politischen und sozialen Netzwerken ermöglichte. Zugleich bot sie eine Form der finanziellen Absicherung, die es erlaubte, frauenpolitisches Engagement über längere Zeiträume aufrechtzuerhalten. Von dieser materiellen Basis ausgehend konnte Jenny Hirsch ihre Übersetzungstätigkeit schließlich auch gezielt in den Dienst frauenpolitischer Mobilisierung stellen.
Feministische Mobilisierung durch Übersetzen: Die Hörigkeit der Frau (1869)
Als 1869 mit Die Hörigkeit der Frau Jenny Hirschs wichtigstes Übersetzungswerk erschien, befand sich die deutsche Frauenbewegung noch in ihrer Entstehungsphase. Nach dem Regierungs- und Thronwechsel in Preußen 1861 setzte eine vorsichtige Liberalisierung ein, die – insbesondere in bürgerlichen Kreisen – neue Spielräume für politische Organisation eröffnete.11 In der Reaktionsphase nach 1848/49 waren Frauen in ihrer politischen Teilhabe massiv eingeschränkt worden, etwa durch den gesetzlichen Ausschluss von Vereinen und durch eine verschärfte Presseaufsicht. Nun setzte erneut eine vorsichtige Organisierung ein. Mit den neuen Frauenvereinsgründungen entstanden auch erste überregionale Strukturen und eigene Kommunikationsräume: 1865 wurde in Leipzig der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) gegründet, 1866 folgte mit den Neuen Bahnen ein zentrales Publikationsorgan. Neben Louise Otto-Peters (1819–1895) war auch Jenny Hirsch an beiden Projekten initiatorisch beteiligt. Dennoch blieb die öffentliche Resonanz der Bewegung zunächst begrenzt.
Gerade in dieser Phase der Konsolidierung wirkte Hirschs Übersetzung „wie ein Fanal“.12 Mills Argumentation fand in den Publikationen der Frauenbewegung rasche Verbreitung und wurde intensiv aufgegriffen.13 Selbst die „Herren Kollegen“ an den Universitäten sahen sich genötigt, auf seine Forderung nach radikaler Gleichberechtigung zu reagieren.14 Parallel dazu wuchsen die zuvor eher vereinzelten Einwände gegen die entstehende Frauenbewegung zu einer breit getragenen Opposition an15 – eine Entwicklung, die Hirsch in der Einleitung zur zweiten deutschen Auflage selbst ausführlich beschreibt und kommentiert:
„The Subjection of Women“ […] erregte, wie dies vermöge […] der behandelten Frage nicht anders zu erwarten war, sofort nach seinem Erscheinen ein bedeutendes Aufsehen. Wie ich mir gestattete, es dem deutschen Publikum in deutschem Gewande unter dem Titel „Die Hörigkeit der Frau“ darzubieten, so ist es fast in alle europäischen Sprachen übersetzt worden. Die Presse der ganzen gebildeten Welt hat in eingehender Weise davon Notiz genommen, es wurde feurig gelobt, hart getadelt und verurtheilt, an mehr als einer Stelle entspann sich darüber in Wort und Schrift heftiger Streit.
Hirsch, Jenny (1872): „Kurze Übersicht über den gegenwärtigen Stand zur Frauenfrage“, in: Mill, John Stuart (1872) Die Hörigkeit der Frau. Aus dem Englischen übersetzt von Jenny Hirsch. Berlin: Berggold, S. v–xlv, hier S. v.
Mit der Übertragung des Textes setzte Hirsch Übersetzen bewusst als Instrument öffentlicher Intervention innerhalb der frühen Frauenbewegung in Deutschland ein. Entscheidend war dabei nicht allein die Übertragung des Ausgangstextes, sondern auch seine Rahmung: In kommentierenden Fußnoten setzte Hirsch stellenweise eigene Akzente, widersprach dem Original punktuell und stellte Bezüge zum deutschen Kontext her. So setzte sie etwa Mills Behauptung, Deutschland sei „hinsichtlich der allgemeinen, wie der speziellen Bildung weit hinter Frankreich und England zurückgeblieben“16 Folgendes entgegen:
Bei aller Achtung vor dem Verfasser können wir doch nicht unbemerkt lassen, dass er hier dennoch etwas übertreibt. Für die Erlangung von Fachwissenschaften ist für die Frauen Deutschlands allerdings noch wenig gethan und auch ihre allgemeine Bildung lässt im Ganzen noch viel zu wünschen übrig; so viel schlechter als in England ist es aber darum doch nicht bestellt, und Frankreich ist uns darin durchaus nicht überlegen, sondern steht mit seiner Kloster-Erziehung weit nach. (Anmerkung d. Übers.)
Mill, John Stuart/[Harriet Taylor Mill] (1869): Die Hörigkeit der Frau. Aus dem Englischen übersetzt von Jenny Hirsch. Berlin: Berggold, S. 128.
In der zweiten deutschsprachigen Auflage kam darüber hinaus eine fast vierzig Seiten umfassende Einleitung hinzu, in der Hirsch den damaligen Stand der – vor allem europäischen und nordamerikanischen – „Frauenfrage“ vergleichend darstellt, insbesondere mit Blick auf Vereine, Publikationsorgane und Bildungsinitiativen.17 So erfüllte die Übersetzung gewissermaßen genau jene doppelte Anforderung, die Ulla Wischermann als zentral für soziale Bewegungen beschreibt: Einerseits muss eine Bewegung nach innen mobilisieren, indem sie gemeinsame Bezugsrahmen und Legitimationsgrundlagen bereitstellt. Andererseits muss sie in die dominante politische und mediale Öffentlichkeit hineinwirken, in der sich ihre gesellschaftliche Resonanz entscheidet.18
Wie Übersetzungen Frauenbewegungen mitgestalteten
Hirschs Übersetzung leistete beides: Sie bündelte frauenpolitische Argumente innerhalb der Bewegung und trug das Thema zugleich in breitere öffentliche Debatten. Die Reichweite dieser Intervention zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der Text in mehreren Auflagen (1872, 1891) erschien und sich über Generationen hinweg als Referenztext und Legitimationsressource frauenbewegten Handelns im deutschsprachigen Raum etablierte. Als einzelnes Beispiel kann dieser Befund die Rolle von Übersetzungsarbeit in der Frauenbewegung nicht insgesamt belegen.19 Zugleich deutet aber gerade der langfristige Rezeptionszusammenhang an, welches Potential Übersetzungen für die historische Entwicklung der Frauenbewegungen entfalten konnten.
Anmerkungen
- Mill, John Stuart/[Harriet Taylor Mill] (1869): Die Hörigkeit der Frau. Aus dem Englischen übersetzt von Jenny Hirsch. Berlin: Berggold.
- Mill, John Stuart/[Harriet Taylor Mill] (1869): The Subjection of Women. London: Green, Reader, and Dyer.
- Gerhard, Ute (2009): „John Stuart Mill (1806–1873) und Harriet Taylor Mill (1807–1858). Englischer Philosoph, Nationalökonom und Sozialreformer und englische Sozialphilosophin“, in: Gerhard, Ute/Pommerenke, Petra/Wischermann, Ulla (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte. Band I (1789–1919). Königstein: Ulrike Helmer, S. 102–118, hier S. 105.
- Pöckl, Wolfgang (2012): „Skizze einer deutschen Übersetzungsgeschichte“, in: Zybatow, Lew N./Małgorzewicz, Anna (Hg.): Sprachenvielfalt in der EU und Translation. Translationstheorie trifft Praxis. SummerTrans-Lektionen zur Translationswissenschaft. Wrocław: Neisse, S. 57–72, hier S. 68.
- Wehinger, Brunhilde (2008): „Auf dem ‚Marktplatz der Ideen‘. Übersetzerinnen im 18. Jahrhundert“, in: Wehinger, Brunhilde/Brown, Hilary (Hg.) Übersetzungskultur im 18. Jahrhundert. Übersetzerinnen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Hannover: Wehrhahn, S. 7–18, hier S. 7.
- Albrecht, Jörn/Plack, Iris (2018): Europäische Übersetzungsgeschichte. Tübingen: Narr Francke Attempto, S. 467f.
- Vgl. hierzu vor allem Bachleitner, Norbert (1989): „‚Übersetzungsfabriken‘. Das deutsche Übersetzungswesen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“. Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 14:1, S. 1–49; sowie Bachleitner, Norbert (2013): „From Scholarly to Commercial Writing: German Women Translators in the Age of the ‘Translation Factories’“. Oxford German Studies 42:2, S. 173–188.
- Büning, Marianne (2004): Jenny Hirsch. Frauenrechtlerin – Redakteurin – Schriftstellerin. Berlin: Hentrich & Hentrich, S. 17.
- Morgenstern, Lina (1891): „Jenny Hirsch. Geb. 1829“, in: Morgenstern, Lina: Die Frauen des 19. Jahrhunderts. Biografische und culturhistorische Zeit- und Charactergemälde. Dritte Folge. Berlin: Verlag der deutschen Hausfrauen-Zeitung, S. 217–219, hier S. 219.
- Büning, Jenny Hirsch, S. 33.
- Klaus, Elisabeth/Wischermann, Ulla (2013): Journalistinnen. Eine Geschichte in Biographien und Texten. 1848–1990. Wien: LIT, S. 64.
- Schaser, Angelika (2020): Frauenbewegung in Deutschland 1848–1933. Darmstadt: wbg, S. 67.
- Vgl. etwa Artikel von Morgenstern, Lina (1889): „Die Frauenbewegung in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts“, in: Morgenstern, Lina: Die Frauen des 19. Jahrhunderts. Biographische und culturhistorische Zeit- und Charaktergemälde. Zweite Folge. Berlin: Verlag der Deutschen Hausfrauen-Zeitung, S. 127–184; oder Glas, Charlotte (1896): „Frauenemancipation und Arbeiterinnenbewegung.“ Arbeiterinnenzeitung. Sozialdemokratisches Organ für Frauen und Mädchen, 1. Mai 1896, S. 4–6.
- Twellmann, Margrit (1972): Die deutsche Frauenbewegung im 19. Jahrhundert. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, S. 57ff.
- Nave-Herz, Rosemarie (1997): Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 16–17.
- Mill, Die Hörigkeit der Frau, S. 128.
- Hirsch, „Kurze Übersicht“.
- Z. B. Wischermann, Ulla (2017): „Zur öffentlichen Wirksamkeit der deutschen historischen Frauenbewegungen um 1900 – Die Interaktion von Öffentlichkeiten“, in: Klaus, Elisabeth/Drüeke, Ricarda (Hg.): Öffentlichkeiten und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse. Theoretische Perspektiven und empirische Befunde. Bielefeld: transcript, S. 63–78, hier S. 71.
- Eine einflussreiche Arbeit zu diesem Zusammenhang hat u.a. Johanna Gehmacher vorgelegt. Vgl. Gehmacher, Johanna (2024): Feminist Activism, Travel and Translation Around 1900. Transnational Practices of Mediation and the Case of Käthe Schirmacher. Cham: Palgrave Macmillan.
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