Sexarbeitende im Mittelalter: ‚Complex Subjects‘ der Geschichte

Gängige Vorstellungen von Sexarbeit in der Vergangenheit sind oft von Vereinfachungen geprägt und verschleiern somit die Subjektivität von Individuen. Ein Fall aus dem Jahr 1472 wirft ein Licht auf die Erfahrungen von Sexarbeiterinnen im Mittelalter.

Bordell im 15. Jahrhundert
Unbekannt (Meister der Bandrollen): Bordell im 15. Jahrhundert, um 1465. Wikipedia, gemeinfrei.

Wer zu Sexarbeit in der Vergangenheit forscht, wird immer wieder mit dem beliebten Spruch „Das ist wohl das älteste Gewerbe der Welt, oder?“ konfrontiert. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Aussage – auch die Agrarwirtschaft könnte hier durchaus Ansprüche geltend machen – liegt es auf der Hand, dass sie ein vielseitiges und komplexes Phänomen grob vereinfacht.

Dabei droht nicht nur der Anachronismus, sondern auch das Risiko, die beteiligten Personen aus dem Blick zu verlieren. Diskurse, die Sexarbeit als zeitlos darstellen, verbergen somit nicht nur den jeweiligen historischen Kontext, in dem Sexarbeit als differenziertes Phänomen entsteht, sondern auch die AkteurInnen selbst.

SexarbeiterInnen als ‚complex subjects‘

In den 1980er Jahren leitete Judith Walkowitz mit ihren Studien zur Prostitution im viktorianischen England eine neue Phase in der Forschung zur Sexarbeit ein.1 Sie setzte das Ziel, die Subjektivität, also die subjektiven Erfahrungen von Sexarbeiterinnen, in den Fokus zu rücken. Als ‚complex subjects‘ der Geschichte sollten Sexarbeiterinnen nicht mehr primär als Opfer oder Täterinnen betrachtet werden, wie es in bisherigen Forschungen zur Prostitution überwiegend geschah, sondern als „Akteurinnen, die Lebensentscheidungen in begrenzten Möglichkeitsräumen trafen, kulturelle Ressourcen besaßen…[die] widerständig handeln konnten“.2

Anlass Walkowitz‘ Arbeit war die Hurenbewegung, deren bekannteste Vertreterin im angelsächsischen Kulturraum Carol Leigh den Begriff ‚sex work‘ in der Öffentlichkeit prägte. Damit erlangten SexarbeiterInnen eine bisher unbekannte politische Sichtbarkeit.3 In diesem Kontext sollte eine menschenwürdige Geschichte der Sexarbeit mit dem Aktivismus einhergehen, indem sie die Individualität und die Menschlichkeit einzelner AkteurInnen in der Vergangenheit betont.

Walkowitz’ Anspruch bringt aber erhebliche Herausforderungen mit sich, vor allem hinsichtlich der Quellen. Historischen Subjekten nachzugehen, benötigt subjektive Quellen oder zumindest Quellen, die im nahen Kreis des Subjekts entstanden sind und HistorikerInnen den Zugang zur inneren Welt der Person(en) eröffnen.4 Für die Vormoderne ist die Quellenproblematik besonders groß, da außerhalb elitärer Kreise das Leben der meisten Menschen kaum dokumentiert ist.

Eine Ausnahme aus dem späten Mittelalter bildet jedoch die Geschichte von Els von Eystett in der Reichsstadt Nördlingen. Ihre Erfahrungen bieten eine für diese Epoche sehr seltene Möglichkeit, Sexarbeiterinnen als ‚complex subjects‘ zu fassen und damit auch mittelalterliche Frauen in einer längeren Geschichte der Sexarbeit als wichtige Akteurinnen zu berücksichtigen.

Im Frauenhaus

Luftaufnahme der Stadt Nördlingen,
Unbekannt (Wolkenkratzer): Luftaufnahme von Nördlingen, Blick von Westsüdwest, 2016. Wikipedia, CC BY-SA 4.0.

1472 brach im Nördlinger Frauenhaus (so bezeichnete man in dieser Epoche städtische Bordelle) ein Skandal aus.5 Laut einer Rechtfertigungslehre, die bis zum Hl. Augustinus zurückverfolgt werden kann, sicherten Frauenhäuser die öffentliche Ordnung, indem sie die „ehrbaren“ Frauen der städtischen Gesellschaft vor den Begierden unverheirateter Männer schützten. Wie eine darauffolgende gerichtliche Untersuchung zeigte, herrschte im Nördlinger Frauenhaus aber alles andere als eine „gute“ Ordnung.6

Im Zentrum des Geschehens stand eine junge Frau namens Els von Eystett. Im Laufe der Untersuchung stellte sich heraus, dass Els einige Zeit zuvor nach Nördlingen gekommen war, wo sie im Frauenhaus als Küchenmagd angestellt wurde. Kurz danach wurde sie von der Frauenwirtin (Bordellbetreiberin) Barbara Tarschenfeindin gezwungen, neben ihrer Küchentätigkeit auch Kunden im Bordell anzunehmen. Bald wurde Els schwanger. Sobald Tarschenfeindin von ihrer Schwangerschaft erfuhr, bereitete sie „ain trank“ für Els vor und zwang sie „mit einem stecken“, diesen zu trinken.7

Wie Els und ihre Kolleginnen im Frauenhaus später vor Gericht erzählten, erkrankte Els sofort und erlitt nach drei Tagen eine Fehlgeburt. Obwohl Tarschenfeindin und ihr Mann, der Frauenwirt Lienhart Fryermut, versuchten, Els mit Schlägen und verbalen Drohungen einzuschüchtern, bestand sie darauf, den Fall vor dem Stadtrat zu klagen. Es blieb Tarschenfeindin und Fryermut keine andere Möglichkeit, als Els’ Schweigen mit einer Geldsumme und dem Versprechen, das Frauenhaus verlassen zu dürfen, zu erkaufen. Jedoch handelte das Paar zu spät, da Gerüchte über die Geschehnisse den Stadtrat bereits erreicht hatten und dieser eine Untersuchung einleitete.

„so syen si arm diernen…“

Der Fall Nördlingen bietet einen einzigartigen Einblick in den Alltag eines mittelalterlichen Bordells. Nachdem der Rat sich entschloss, alle zwölf Frauen im Bordell zu verhören, vermitteln die Protokolle ein umfangreiches Bild der Arbeitsbedingungen in Nördlingen sowie der Formen, mit denen das Frauenwirtspaar die Frauen ausbeutete und missbrauchte.

Alle Frauen gaben an, ins Bordell verpfändet worden und bei Fryermut in unterschiedlichem Maße verschuldet zu sein. In mittelalterlichen Bordellen hätte die Arbeit den Frauen theoretisch ein regelmäßiges Einkommen und die Möglichkeit bieten sollen, sich etwas Geld anzusparen. Das Zwangsregiment in Nördlingen machte dies aber unmöglich.

Anna von Ulm, die als Erste vor Gericht aussagte, beschrieb die Praktiken Fryermuts zur Unterdrückung der Frauen ausführlich. Dazu zählten die Beschlagnahmung der Kleidung und die Nötigung, diese zurückzukaufen; ebenso mussten die Frauen Speisen und Getränke zu überteuerten Preisen kaufen und alle Trinkgelder, die sie von Kunden erhielten, abgeben. Wie Anna die Lage selbst beschrieb, „waren sie alle arme Dirnen und konnten nichts erübrigen, und es wuchsen die Schulden, ohne dass sie verstanden, wie, und sie konnten nichts abzahlen“.8

Bild der Quelle "Akte Frauenhaus, Stadtarchiv Nördlingen"
Stadtarchiv Nördlingen, Akte Frauenhaus, Aussage Anna von Ulm (1472). Bild: Jamie Pages.

Annas Aussage deutet auf ein System der Schuldknechtschaft hin, das dem Bordellpächter Fryermut ermöglichte, Frauen zu verpfänden und mit Frauenwirten anderer Regionen zu handeln; so war eine andere Frau im Nördlinger Frauenhaus, Cristina von der Etsch, vermutlich Italienerin.

Zudem war Gewalt offensichtlich allgegenwärtig. Frauen, die zu wenig verdienten oder sich trauten, Beschwerde zu erheben, hatten mit Schlägen zu rechnen. Einige der Frauen berichteten, dass Fryermut sie manchmal sogar mit einer Ochsenziemer („farenzagel“) schlug.

Solidarität und Widerstand

Während Gewalt und Ausbeutung im Nördlinger Frauenhaus zum Alltag gehörten, stellte die Zwangsabtreibung bei Els vielleicht den extremsten Ausdruck der Kontrolle dar, die das Bordellbetreiberpaar über die Frauen ausübte. Els‘ Aussage deutet das erlittene Trauma an, wenn sie schilderte, ihr ganzer Körper sei „flüssig“ geworden, und anklagte, dass Tarschenfeindin „mich um mein Kind gebracht hat“.9

Das Erlebnis war für Els aber auch der Anlass, sich gegen ihre PeinigerInnen zu wehren. Die Solidarität der anderen Frauen wird in den Aussagen von Anna und Margrette von Biberach deutlich: Sie trösteten Els nach ihrem Verlust und standen ihr zur Seite, als Tarschenfeindin und Fryermut versuchten, ihr Schweigen zu erzwingen.

Offensichtlich vermittelten die Nördlinger Frauen dem Stadtrat ein Bild, das ihm die nötigen Informationen lieferte, um Fryermuts Regiment im Frauenhaus zu beenden. Zusammen mit Tarscheinfeindin wurde er entlassen und auf ewig aus der Stadt verbannt; Tarschenfeindin wurde für die Abtreibung zudem auf der Stirn gebrandmarkt.

Fazit: ‚Complex subjects‘ in der Geschichte der Sexarbeit

Gängige Vorstellungen der Sexarbeit in der Geschichte beruhen oft auf einem vereinfachten Bild, etwa der Idee, sie sei das „älteste Gewerbe“ oder sie sei „schon immer so gewesen“. Solche Deutungen beschränken auch den Blick auf die betroffenen Personen und bergen die Gefahr, ihre Subjektivität und Individualität zu verschleiern.

Die Ereignisse in Nördlingen zeichnen ein besonders düsteres Bild des spätmittelalterlichen Sexgewerbes, in dem sich zahlreiche Parallelen zur Gegenwart erkennen lassen. Menschenhandel, Gewalt und Zwangsarbeit prägten den Alltag der Nördlinger Frauen und gehören auch heute sehr oft zum Milieu der Sexarbeit.

Gleichzeitig zeigt die gemeinsame Aktion der Nördlinger Frauen genau jene ‚resistance‘ und ‚cultural resources‘, die Walkowitz als wünschenswerte Perspektive einer menschengerechten Geschichte der Sexarbeit einmahnt. Die Geschehnisse in Nördlingen zeigen, dass auch mittelalterliche Frauen über solche Ressourcen verfügten. Ihre Erfahrungen bilden einen Teil einer längeren und vielseitigeren Geschichte der Sexarbeit, in der subjektive Perspektiven sowie Kontinuitätslinien wichtige Bestandteile sind.

Jamie Page

Anmerkungen

  1. Judith R. Walkowitz, Prostitution and Victorian Society. Women, Class and the State (Cambridge: Cambridge University Press, 1980).
  2. Judith R. Walkowitz, ‘Prostitution and the Politics of Sexual Labour’, History Workshop Journal Nr. 82 (2016), S. 188–198, hier S. 191: „actors who made life choices within a narrow range of possibilities, who possessed cultural resources, were capable of resistance“.
  3. Carol Leigh, ‚Inventing Sex Work‘, in Whores and Other Feminists hg. von Gill Nagle (London: Routledge, 1998), S. 223–231.
  4. Zur Quellenproblematik siehe Timothy J. Gilfoyle, ‚Prostitutes in the Archives: Problems and Possibilities in Documenting the History of Sexuality‘, The American Archivist 57 Nr. 3 (1994), S. 514–27, und Selling Sex in the City: A Global History of Prostitution, 1600s-2000s hg. von Magaly Rodríguez García, Lex Heerma van Voss und Elise van Nederveen Meerkerk (Leiden: Brill, 2017), Kap. 1, ‚Selling Sex in World Cities, 1600s–2000s: An Introduction‘, S. 1–22.
  5. Frauenhäuser waren seit circa 1400 in vielen Regionen Westeuropas zu einem festen Bestandteil des städtischen Lebens geworden. Vgl. dazu Peter Schuster, Das Frauenhaus. Städtische Bordelle in Deutschland, 1350–1600 (Paderborn: Schöningh, 1991), sowie A Cultural History of Prostitution in the Medieval Age, hg. von Eleanor Janega und Jamie Page  (London: Bloomsbury,2027).
  6. Ausführlich zum Fall: Jamie Page, Prostitution and Subjectivity in Late Medieval Germany, Kap. 2 (Oxford: Oxford University Press, 2021).
  7. Stadtarchiv Nördlingen, Akte Frauenhaus, Aussage Els von Eystett (1472).
  8. Stadtarchiv Nördlingen, Akte Frauenhaus, Aussage Anna von Ulm (1472): „so syen si arm diernen und können nutz erubrigen und wachß also schuld auf ir yede das sy selb nit wissen wie, und konnen nitz abbezalen“.
  9. Stadtarchiv Nördlingen, Akte Frauenhaus, Aussage Els von Eystett (1472): „mich umb min kind gebracht hat“.
Von |2026-05-20T09:00:53+01:0015. Mai 2026|ForschungsErgebnisse|0 Kommentare

Jamie Page ist Historiker und ist Wissenschaftlicher Assistent im Arbeitsbereich Mittelalter an der Universität Graz. Seine Dissertation (Prostitution and Subjectivity in Late Medieval Germany, Oxford University Press, 2021) befasst sich mit Mikrogeschichten der Sexarbeit im deutschen Sprachraum von 1400 bis 1500; zusammen mit Eleanor Janega ist er Herausgeber von Cultural History of Prostitution in the Middle Ages (Bloomsbury, 2027). Sein Habilitationsprojekt bezieht sich auf Männlichkeitsvorstellungen in der Schweizer Chronistik im Spätmittelalter.

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