Dort, wo es spuken soll, ist eine Frau in Weiß oft nicht fern. Dass diese Figur nicht willkürlich ist, wird beim Blick auf ihre literaturhistorischen Kontexte deutlich. In Texten wird sie oft genutzt, um unterdrückte Marginalisierung und familiäre Dynamiken sichtbar zu machen, die Frauen einzwängen.

Einmal bemerkt, fällt sie überall auf. Seit dem späten 18. Jahrhundert wimmelt es in der bildenden Kunst und Literatur vor Frauen in Weiß oder Weißen Frauen, wie das Gespenst in den Texten selbst oft bezeichnet wird. Ich verwende in meiner Arbeit lieber die Bezeichnung Frau in Weiß, um Missverständnisse zu vermeiden und die Bedeutung des weißen Kleides greifbarer zu machen. Diese übernatürlichen Gestalten gehören bis heute zum Standard-Repertoire der Geistersagen und Schauerromane.1
Die Figur verkörpert weibliche Tragik, wie den Mangel an familiärer und gesellschaftlicher Selbstbestimmung, jagt gleichzeitig Angst ein und ist dabei stets mehrdeutig: Das weiße Kleid dient zur Inszenierung unschuldiger Weiblichkeit2 und kleidet die Quelle des Schreckens ein.3
Von der Legende zur Literatur, oder: warnende Ahnfrauen
Obwohl die Frau in Weiß meistens als Gespenst auftritt, spukt manchmal auch ein Elementargeist, also ein Feenwesen oder eine Nymphe.4 Ein weiteres wichtiges Vorbild für die literarische Entwicklung der Figur sind Sagen von Ahnfrauen wie der Weißen Frau der Hohenzollern – eine gespenstische Gestalt, die über Jahrhunderte hinweg in den Schlössern des Adelsgeschlechts erschienen sein soll, um Tod und Unglück vorherzusagen.5 Aufgrund der Verbreitung dieser Sage wurden der Spuk und seine Wurzeln ab dem 17. Jahrhundert erforscht und historische Erklärungen für das Gespenst gesucht.6
Eines der vermeintlichen Vorbilder der Weißen Frau der Hohenzollern, die böhmische Adelige Bertha von Rosenberg aus dem 15. Jahrhundert, ist in der Literatur besonders häufig anzutreffen.7 Benedikte Nauberts 1792 verfasste Erzählung „Die Weiße Frau“ aus den Neuen Volksmärchen der Deutschen ist eine der frühesten literarischen Fassungen dieser Sage und erschien Jahre vor der „Weißen Frau“ der Brüder Grimm.8
Obwohl Naubert heute weitgehend unbekannt ist, war sie zu ihren Lebzeiten eine Bestseller-Autorin: Einige ihrer rund 50 Romane wurden übersetzt und von einflussreichen Schriftsteller*innen wie Friedrich Schiller, E.T.A. Hoffmann, Ann Radcliffe und Sir Walter Scott geschätzt.9 Mit ihrer „Zweischichtentechnik“, die historische Fakten mit fiktionalen Elementen verwebt, war Naubert vor allem für die Entwicklung des historischen Romans bedeutend.10
Bertha und Bertha: Selbstpositionierung mithilfe der Frau in Weiß

Nauberts „Weiße Frau“ zeigt ein Schema der Figur, bei dem der Spuk von jungen Familienangehörigen erlebt wird, ihnen Handlungsmöglichkeiten eröffnet und Ehen erwirkt oder verhindert. Mit dem Gespenst der Frau in Weiß werden im Text unterschiedliche Zeitebenen aufgemacht, um zyklische Familiendynamiken offenzulegen und zu durchbrechen. Das wird auch durch die wiederholte Verwendung von Namen markiert, wie im Fall der Protagonistin Bertha von Rosenberg und dem Gespenst ihrer gleichnamigen Vorfahrin.11
Diese Zeitebenen werden von der Frau in Weiß durch weibliches Schrifttum überbrückt. Sie bringt Bertha dazu, historische Dokumente zu lesen, worunter sich ein autobiographischer Bericht findet, in dem die Vorfahrin von ihrem tragischen Leben berichtet. Dieser lässt Bertha neben ihrer Familiengeschichte auch das wahre, gespenstische Wesen der Frau in Weiß erkennen.12
Durch diese Begegnungen mit dem Gespenst erlangt Bertha Zugang zu einer ihr neuen „Ideenwelt“, was zeitgenössische Debatten rund um weibliche Autorinnenschaft aufgreift.13 Sara Luly argumentiert, dass Nauberts gespenstische Autorin die gesellschaftliche Kritik an gelehrten Frauen als etwas Unnatürliches oder Monströses zuspitzt, dabei aber auch Metapher dafür ist, wie die Arbeit realer Autorinnen durch diese Stigmatisierung und die damals häufige Verwendung von Pseudonymen etwas Geisterhaftes hatte.14
In Nauberts Text werden durch das Gespenst weibliches Schrifttum und das Hinterfragen familiärer Autorität in den Mittelpunkt gerückt. Die Rolle der schreibenden und lesenden Frau wird dadurch bekräftigt, dass erst die Auseinandersetzung mit weiblichem Schreiben Berthas Wahrnehmung verändert und erste Schritte der Selbstfindung ermöglicht.
Wieso eine Frau in Weiß?
Die Forschung zeigt, dass Gespenster in der Literatur oft genutzt wurden, um marginalisierten Figuren Ausdruck zu verleihen – beispielsweise, um die gesellschaftliche Stellung der Frau im 19. Jahrhundert zu erzählen.15
Der mehrdeutige, weiße Stoff des Kleids eignet sich aufgrund seiner kulturellen und symbolischen Funktion zudem als Denkfläche für widersprüchliche Weiblichkeitsentwürfe.16 Das weiße Brautkleid ist wohl eine der ersten Assoziationen, wobei weiß auch lange eine Trauerfarbe war.17 Darüber hinaus markiert das weiße Kleid Unschuld, mit seinen Anklängen an Nacht- und Unterkleider aber auch die Privatsphäre und Sexualität.18
Eine Sensation! Weiterentwicklung in The Woman in White

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Frau in Weiß weiter. Die wohl bekannteste Version ist Wilkie Collins’ Sensationsroman The Woman in White (1860), einer der Bestseller des späteren 19. Jahrhunderts.19 Bereits Collins’ Titel bezieht sich auf gespenstische Frauen in Weiß. Die Figuren Anne Catherick und ihre zum Verwechseln ähnliche Halbschwester Laura Fairlie können beide als die titelgebende Frau in Weiß gelesen werden20 und werden im Text als Gespenst, Doppelgängerin oder Wahnsinnige interpretiert.21
Trotzdem hat diese Frau in Weiß nichts Übernatürliches mehr, sondern funktioniert als Textverfahren, das den Horror der mangelnden Selbstbestimmung von Frauen in medizinischen und rechtlichen Angelegenheiten erzählt – bis zur Zwangseinweisung von Laura und Anne. Die Ähnlichkeit der beiden Frauen führt dazu, dass Laura unter Annes Identität in die Anstalt eingeschleust wird, aus der Anne am Anfang des Romans entflohen war. Sie werden beide dort festgehalten, damit sich die Verschwörer Sir Percival und Graf Fosco an ihnen bereichern können beziehungsweise nicht von ihnen aufgedeckt werden.22
Nachleben einer Untoten
Auch über das 19. Jahrhundert hinaus kann man vor allem in visuellen Medien Frauen in Weiß antreffen. Dabei wiederholen sich Merkmale, ältere Texte werden neu bearbeitet und neue Aspekte aufgenommen. Was konstant bleibt, ist, dass die Figur als Störung auftritt, die weiblicher Tragik Ausdruck verleiht.
Die erfolgreiche Horror-Anthologie Haunting auf Netflix, zum Beispiel, setzt ihr Konzept loser Retellings klassischer Horror-Texte mit Frauen in Weiß um. Die zweite Staffel, The Haunting of Bly Manor (2020), greift Geschichten von Henry James auf und erzählt von der gesichtslosen Erscheinung einer ungerecht behandelten, rachsüchtigen und weiß gekleideten „Lady in the Lake“.23 Man kann die (sehr verdichtete) Figurentradition klar herauslesen.
Die Frau in Weiß bleibt eine Figur, mit der weibliche Schicksale, besonders im häuslichen Umfeld, erzählt werden: von fremdbestimmten Ehen wie bei Naubert, einem rechtlichen Rahmen, der groteske Ausformungen patriarchaler Macht ermöglicht wie bei Collins, bis zu körperlicher Gewalt wie in Bly Manor. Vielleicht funktioniert die Figur dabei neben der Symbol- und Signalkraft des weißen Kleides gerade wegen des bewussten Aktivierens ihrer Erzähltradition.
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Illustration aus einer französischen Fassung des Romans aus dem Jahr 1875. Man sieht, sehr gespenstisch dargestellt, die Szene, in der Anne Catherick das erste Mal erscheint. Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain
Abb. 2: Darstellung Berthas von Rosenberg aus dem 1880 erschienenen Buch Alt- und Neu-Wien. Geschichte der Kaiserstadt und ihrer Umgebungen, etc. Tatsächlich soll sie auch im Wiener Schottenstift als Weiße Frau erscheinen. Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain
Abb. 3: Cover 1890: Wikimedia Commons / Cover art 1889 Chatto & Windus yellowback, Gemeinfrei / Cover 1985: Wilkie Collins: The Woman in White. Bantam Classics, 1985 / Cover 2026: Wilkie Collins: The Woman in White. Pandora’s Box, 2020 (E-Book)
Anmerkungen
- Roling, Bernd: Die Weiße Frau: Frühneuzeitliche Kontroversen über ein Phänomen zwischen Folklore und Dämonologie. In: Nordic Journal of Renaissance Studies 22 (2024), S. 295–324, S. 296.
- Seys, Madeleine C.: Fashion and narrative in Victorian popular literature: double threads, New York: 2018, S. 31.
- Für eine literarische Analyse des Unheimlichen, das sich in der weißen Farbe verbirgt siehe auch Melville, Herman: Moby-Dick: An authoritative text, contexts, criticism, 3. Aufl., 2018, S. 151–157.
- Zum Beispiel Friedrich de la Motte-Fouqué Wassergeist Undine (1811), der „[a]ls ‚bleiches, weißverschleiertes Weibsbild‘ […] aus dem Brunnen empor[steigt].“ Forderer, Christof: Ich-Eklipsen: Doppelgänger in der Literatur seit 1800, Stuttgart 1999, S. 171–172.
- Wilpert, Gero von: Die deutsche Gespenstergeschichte: Motiv, Form, Entwicklung, Stuttgart 1994, S. 96–97.
- Siehe Roling: Die Weiße Frau für einen historischen Überblick der unterschiedlichen Zugänge und Schlussfolgerungen dieser Forschung.
- Wilpert: Die deutsche Gespenstergeschichte, S. 96.
- Stübe, Raphael: Populäre Ursprünge. Benedikte Naubert und die Grenzbereiche der Romantik. In: „jetzt kommen andre Zeiten angerückt“, hg. von Martina Wernli, Berlin, Heidelberg 2022, S. 11–29, S. 16.
- Arnold-de Simine, Silke: „Lost in Translation“?: Die englische Übersetzung von Benedikte Nauberts Herrmann von Unna. In: Populäre Erscheinungen, 2011, S. 121–133, S. 123.
- Arnold-de Simine: „Lost in Translation”, S. 128.
- Stübe: Populäre Ursprünge, S. 17.
- Naubert, Benedikte: Die Weiße Frau. In: Neue Volksmärchen der Deutschen, Bd. 3, Göttingen, 2001, S. 103–108.
- Ebd., S. 103.
- Luly, Sara: Ghostwriters: The apparitional author in Benedikte Naubert’s „Die Weiße Frau” (1792) and Sophie Albrecht’s „Das Höfliche Gespenst“ (1797). In: Writing the self, creating community. German women authors and the literary sphere 1750-1850, Rochester, NY 2020, S. 120–121.
- Dickerson, Vanessa: Victorian ghosts in the noontide: women writers and the supernatural, Columbia, Miss. 1996, S. 10–11.
- Seys: Fashion, S. 28.
- Haehnel, Birgit: Weiße Umhüllungen – weiße Verblendungen: zur textilen Konstruktion von whiteness, Köln, Göttingen 2024, S. 32.
- Das weiße Musselinkleid des 19. Jahrhunderts war vom Unterkleid, dem sogenannten chemise inspiriert, und teilweise auch danach benannt. Ribeiro, Aileen: Dress in eighteenth-century Europe. 1715–1789, 2. Aufl., New Haven, London 2002, S. 207.
- Daly, Nicholas: Sensation and modernity in the 1860s, Cambridge, New York 2013, S. 15.
- Seys: Fashion, S. 43.
- So auch am Anfang des Romans, in dem der geisterhafte Eindruck von Anne Catherick aber sofort richtiggestellt wird. Collins, Wilkie: The woman in white, Oxford, New York 2008, S. 20.
- Collins: The woman in white 2008.
- Flanagan, Mike: The haunting of Bly Manor, Netflix, 2020.
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