Frühneuzeitliche Briefe aus den Federn adeliger Schwestern

Briefe adeliger Frauen aus der Frühen Neuzeit berichten mitten aus ihrem Alltagsleben. Oder etwa nicht? Die Quellen beziehen sich häufig auf sehr spezifische Situationen, die sich erst durch die Rekonstruktion der komplexen Lebenswirklichkeiten ihrer Verfasserinnen erschließen lassen.

Brief von Maria Anna von Waldburg-Zeil an ihren Bruder Leopold Joseph von Lamberg, 19.08.(1701), NÖLA HA Lamberg K 079/402, © Foto: Claudia Rapberger.

Sucht man in den Archiven adeliger Familien der Frühen Neuzeit nach Briefen zwischen Geschwistern, häufen sich oftmals Kartons voller Korrespondenzen, die sich auf den ältesten Sohn einer Familie beziehen und meist von einem seiner Brüder stammen. Briefe von Schwestern sind dagegen wesentlich seltener überliefert. Die Dokumente adeliger Frauen fügten sich in den Augen der Familienmitglieder offenbar nicht in die Sammlungsstrategien der genealogischen Dokumentation und wurden daher häufig nicht aufbehalten.

Jene Schwester-Bruder Korrespondenzen, die sich dennoch vereinzelt erhalten haben, sind meist nur einseitig, d.h. ohne die Antwortschreiben der Brüder, überliefert. Einen solchen Quellenbestand stellen die 52 Briefe von Maria Anna von Waldburg-Zeil(-Wurzach) (1659–1721) an ihren Bruder Leopold Joseph von Lamberg (1653–1706) dar, die im Niederösterreichischen Landesarchiv aufbewahrt werden.[1] Aufgrund der Reichhaltigkeit dieser Schreiben wurde die Adelsfrau zu einer der Protagonistinnen in der Forschung für mein Dissertationsprojekt.[2]

Dieser Beitrag, soll einen Einblick geben, wie der frühneuzeitliche Briefbestand einer adeligen Frau, in ihrer Position als Schwester, mikrohistorisch untersucht werden kann. Im Fokus steht dabei insbesondere der erste methodische Schritt dieser Arbeitsweise: die Rekonstruktion der Inhalte.

Eine lückenhafte Biografie

Maria Anna von Waldburg-Zeil war das vierte von sieben Kindern aus der Ehe zwischen Maria Constantia von Questenberg (1624–1687) und Johann Franz von Lamberg (1618–1666).[3] Im Alter von 30 Jahren heiratete sie den zwanzig Jahre älteren Grafen Sebastian Wunibald von Waldburg-Zeil(-Wurzach) (1636–1700). Mit ihrer Vermählung bekam Maria Anna von Waldburg-Zeil nicht nur einen Ehemann, sondern auch (vermutlich) sieben Kinder, die er aus seiner früheren Ehe mitbrachte. Maria Anna von Waldburg-Zeil gebar selbst keine Kinder. Zehn Jahre nach der Heirat starb Sebastian Wunibald von Waldburg-Zeil. Die folgenden Jahre dürfte sie hauptsächlich in Wien verbracht haben, wo sie 1721 im Alter von 61 Jahren verstarb.

Über Maria Anna von Waldburg-Zeils Leben ist sonst nur sehr wenig bekannt. Solche Wissenslücken treffen auf viele weitere adelige Frauen der Frühen Neuzeit zu. Die Gründe dafür sind vielfältig: Zum Teil sind weniger Quellen überliefert oder sie sind in den verschiedenen Familienarchiven – der Herkunfts- und Heiratsfamilien – verstreut und noch nicht gefunden worden. Auch die historische Forschung hat sich lange Zeit weniger für diese Frauen interessiert.

Von Maria Anna von Waldburg-Zeil selbst liegen neben ihren Briefen noch ihr Heiratsvertrag sowie ihr Testament vor.[4] Im Gegensatz dazu hat ihr Bruder und Briefpartner Leopold Joseph von Lamberg in der historischen Forschung bereits einiges an Aufmerksamkeit erlangt.[5] Er war in mehreren diplomatischen Positionen im Dienst von Kaiser Leopold I. (1640–1705) tätig und stieg schließlich bis zum kaiserlichen Botschafter in Rom auf.

Aus den Federn adeliger Schwestern

Brief von Maria Anna von Waldburg-Zeil an ihren Bruder, 19.08.(1701), NÖLA HA Lamberg K 079/402, © Foto: Claudia Rapberger.

Was sind nun die Inhalte der Briefe adeliger Schwestern? Einer der thematischen Schwerpunkte in Korrespondenzen zwischen adeligen Geschwistern lag auf dem Austausch von (familien- und gesellschafts-)politischen Informationen.[6] Dies trifft auch auf die Briefe von Maria Anna von Waldburg-Zeil zu. So berichtete sie ihrem Bruder unter anderem über Kriegsereignisse, wie der Belagerung von Ofen in den Jahren 1684 und 1686 oder den Kämpfen im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688–1697).[7]

Mit besonderer Sorgfalt hielt sie ihren Bruder zudem über die politischen Karrieren anderer Adelsfrauen und -männer auf dem Laufenden, aber auch über die Spekulationen, wer welches Amt als nächstes bekleiden würde. Damit decken sich die von ihr behandelten Themen mit den bereits bekannten Briefinhalten, die für Briefe adeliger Frauen von der Forschung herausgearbeitet wurden.[8]

Für die Mitglieder einer Adelsfamilie – insbesondere für die ältesten Brüder – hatte diese Informationsgenerierung eine essenzielle Bedeutung.[9] Den Informationen kam politische Relevanz zu, die direkt nutzbar gemacht werden konnte, etwa in Hinblick auf dynastische Strategien oder die Karriereplanung.

Es wird deutlich, dass Leopold Joseph von Lamberg seiner Schwester Maria Anna von Waldburg-Zeil großes Vertrauen entgegenbrachte. Die beiden pflegten ein sehr offenes Verhältnis zueinander, was dazu führte, dass sie intensiv in die Vorhaben ihres Bruders eingebunden war. Dazu gehörten auch sehr heikle und familienpolitisch relevante Angelegenheiten – wobei sie nicht bloß als Informantin tätig war, sondern mit ihm als Beraterin und Koordinatorin zusammenarbeitete.

Ein unverhoffter Vorfall

Um den Informationsgehalt und die Positionierung der Schwester ihrem Bruder gegenüber verstehen zu können, müssen zunächst die Briefinhalte rekonstruiert werden. Wie bereits einleitend erwähnt, betreffen diese sehr häufig spezifische Situationen. Exemplarisch dafür sei hier eine aufsehenerregende Angelegenheit erwähnt, in welche die Familie Lamberg im Jahr 1701 verwickelt war: Die Nichte der beiden Geschwister, Charlotte von Althan (Lebensdaten unbekannt) hatte sich unverhofft mit dem jungen Adelsmann Franz Adam von Schwarzenberg (1680–1732) verlobt.

Aufgrund bereits bestehender Heiratspläne für Franz Adam von Schwarzenberg sprach sich Kaiser Leopold I. persönlich gegen diese Verbindung aus. Nachdem der junge Adelige die ihm zugetragene Braut und nicht Charlotte von Althan geheiratet hatte, meinte Maria Anna von Waldburg-Zeil dazu:

[Um] den Schwartzenberg ist es freylich geschen. Er [ist] nicht weniger [da]mit unglücklich gemacht, als uns solches Werk disreputierlich ist. Und so die augenscheinliche Straff ein Pflaster auf unser Wunden sein konnte […]. [Ich fürchte] die beiden jungen Leith [werden] durch Ihr vergnügliches und unglückshaftes Leben, der gantzen Welt zum Spectacel bleiben.[10]

Als Konsequenz der Verlobung erhielt Leopold Joseph von Lamberg ein kaiserliches „Dekret“. Leider ist diese Quelle nicht erhalten geblieben, doch Maria Anna von Waldburg-Zeil zufolge soll es „nicht allein mit [einer] Menge falscher [Aussagen] beschmiert, sondern auch fast aus jeglichem Wort eine Ungnade [nach sich ziehen.]“ [11]

Bei der Verlobung handelte es sich zweifelsfrei um einen skandalträchtigen Vorfall, der jedoch aufgrund mangelnder Quellen nur teilweise nachvollzogen werden kann und viele Fragen offenlässt: Um welche Art von Dokument handelte es sich bei dem sog. „Dekret“? Welchen Inhalt hatte es? Inwieweit waren die Lambergs in das Vorhaben der beiden jungen Leute eingebunden? Hatte dies Auswirkungen auf die Position der Familie innerhalb der Adelswelt?

Kontextualisierung als Schlüssel

Die Ereignisse rund um die Heiratspläne der beiden jungen Adeligen sind hier sehr bündig und stringent dargestellt. Aus den Briefen lassen sich die Geschehnisse hingegen weniger deutlich ablesen. Maria Anna von Waldburg-Zeil liefert ihrem Bruder keine Beschreibung der Begebenheiten, stattdessen geht die Adelsfrau auf das „schändliche“ Dekret ein und führt die Gründe an, warum „dieses Werk so unglückseeling ausgeschlagen“. [12] Sind den Leser*innen die Ereignisse unbekannt, so ist es zunächst völlig unklar, worum es geht.

Bei der mikrohistorischen Arbeit mit Briefen tauchen außenstehende Leser*innen in eine Kommunikation ein, deren Hintergrundgeschichte (noch) nicht bekannt ist. Dies ist eine Herausforderung bei der Forschungsarbeit mit Briefen. Um die Kommunikation verstehen und kontextualisieren zu können, bedarf es intensiver Recherchen.

In Bezug auf adelige Frauen stoßen Historiker*innen dabei an Grenzen, die sich aus mehreren Faktoren ergeben: das lange Zeit vorherrschende Desinteresse der Forschung an adeligen Frauen sowie dem Mangel an Quellen. Nichtsdestotrotz ist die Kontextualisierung, als methodisches Werkzeug, der Schlüssel zu der Rekonstruktion von Ereignissen und spezifischen Situationen.

Ausblick

Sind die Briefinhalte rekonstruiert, gilt es im Sinne des mikrohistorischen Arbeitens weiterführende Fragen zu stellen und interpretative Analysen vorzunehmen. Im Fall meines Dissertationsprojektes beziehen sich diese darauf, Möglichkeiten der (Selbst-)Positionierung im adeligen Milieu der Frühen Neuzeit zu erschließen, die adelige Schwestern für sich beansprucht haben. Die in den Briefen behandelten Themen bieten demnach die Möglichkeit, nach ihren Handlungsräumen zu fragen und diese besonderen historischen Akteurinnen näher zu untersuchen.

Claudia Rapberger

Anmerkungen

[1] Niederösterreichisches Landesarchiv (NÖLA), 04.01. HA Lamberg, K 079/402.

[2] Universität Wien, Projekt Homepage: Adelige Geschwister. Vermögensarrangements und soziale Konfigurationen, online unter: https://noble-siblings.univie.ac.at/das-projekt/ (17.10.2023).

[3] Hans Stögmüller, Lamberg. Geschichte und Genealogie einer mitteleuropäischen Familie (Wien 2021), 377.

[4] NÖLA, 04.01. HA Lamberg, K 079/402. Österreichisches Haus-, Hof- und Staatsarchiv (AT-OeStA/HHStA), RHR RK VerfA Testamente 173/174-3. Fürstl. Waldburg-Zeil’sches Gesamtarchiv Schloss Zeil, Bestand ZAWu U 1039.

[5] Friedrich Polleroß, Die Kunst der Diplomatie. Auf den Spuren des kaiserlichen Botschafters Leopold Joseph Graf von Lamberg (1653 – 1706) (Petersberg 2010). Franz Bauer, Studien zur Herrschafts- und Familiengeschichte der Lamberg zu Ottenstein im 16. und 17. Jahrhundert (Wien1980).

[6] Sophie Ruppel, Verbündete Rivalen. Geschwisterbeziehungen im Hochadel des 17. Jahrhunderts (Wien 2006), 183-194.

[7] Zur Außenpolitik des Heiligen Römischen Reiches im 17. Jahrhundert und den beiden Ereignissen siehe: Thomas Winkelbauer, Geschichte Österreichs (Wien3 2015), 187, 208-215.

[8] Doris Aichholzer, Klosterleid, Fehlgeburten und Türkengefahr. Das Themenspektrum in Briefen adeliger Frauen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. In: Wiener Geschichtsblätter 54, 2 (1999), 116-132.

[9] Ruppel, Verbündete Rivalen, 189-195.

[10] NÖLA, 04.01. HA Lamberg, K 079/402, Brief vom 21.01.1702. In diesem, wie auch den folgenden Zitaten wurde die Rechtschreibung und Grammatik an unsere heutige Sprache angepasst.

[11] NÖLA, 04.01. HA Lamberg, K 079/402, Brief vom 19.08.(1701).

[12] NÖLA, 04.01. HA Lamberg, K 079/402, Brief vom 19.08.(1701).

Von |2023-11-15T15:58:05+01:0015. November 2023|ForschungsAlltag|0 Kommentare

Claudia Rapberger, MA ist Doktorandin am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. In ihrem Dissertationsprojekt beschäftigt sie sich mit den Beziehungen adeliger Geschwister innerhalb des österreichischen Adels der Frühen Neuzeit (1500 – 1800). Der Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf den Beziehungen von Schwestern zu ihren Brüdern. Ihre Dissertation entsteht im Zuge des FWF-Projekt "Adelige Geschwister. Vermögensarrangements und soziale Konfigurationen".

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