Vaterschaften sowie damit verbundene Handlungen und Erwartungen wurden vor allem im Hinblick auf den spätmittelalterlichen Hochadel bisher kaum untersucht. Die umfangreich erhaltene Korrespondenz des Kurfürsten Albrecht „Achilles“ von Brandenburg (1414–1486) bietet einen Einblick in die Thematik.

Am 14. Februar 1476 verfasste Kurfürst Albrecht „Achilles“ von Brandenburg (1414–1486) einen Brief an Graf Ulrich V. von Württemberg (1413–1480). In diesem Schreiben berichtete er seinem langjährigen Freund nicht nur von einer geplanten Weinlieferung, sondern er sagte darin mit den Worten „so geen wir groß swannger, deßhalb sich unnser zuhauffenkomen heur verweylet“1 auch seinen Besuch für das alljährliche gemeinsame Fastnachttreffen ab.2 Albrecht verkündete demnach seinem Freund die Schwangerschaft seiner zweiten Ehefrau Anna von Sachsen (1437–1512) zu ihrem zwölften Kind. Es handelte sich dabei um ihre Tochter Magdalene (1476–1480), die schließlich am 29. Juli 1476 in Schloss Cölln geboren wurde.
Der Kurfürst thematisiert in dem Brief seine beginnende Vaterschaft schon vor der Geburt seines achtzehnten Kindes. Vaterschaften sowie damit verbundene Handlungen und Erwartungen sind im Hinblick auf das Spätmittelalter ein bisher wenig untersuchtes Forschungsfeld. Dabei geben Vaterschaften als Ausgestaltungsbereich von Männlichkeit grundlegende Einblicke in bestehende Geschlechter- und Gesellschaftsordnungen, da sie diese wiedergeben und auch dominieren können.3 Die wenigen Studien, die es bisher dazu gibt, konzentrieren sich vor allem auf das bürgerliche Milieu, wobei hochadelige Vaterschaften noch kaum näher beleuchtet worden sind.4 Die Briefe Albrechts zeigen auf, dass von der Forschung lang postulierte Geschlechtervorstellungen für die hochadelige Elternschaft, die den Vater als das alles bestimmende, aber emotional distanziertes Familienoberhaupt skizzieren, nuancierter zu betrachten sind.
Sich Zeitnehmen für die Schwangerschaft
Beim Lesen des oben zitierten Briefausschnitts eröffnen sich zwei zentrale Fragen: Warum sagte Albrecht bereits Monate vor der geplanten Geburt seine Teilnahme am Fastnachtfest ab, obwohl dieses im Spätmittelalter zu den beliebtesten außerkirchlichen Festen am Fürstenhof gehörte5 und im konkreten Fall sogar mit einer Hochzeit verbunden war? Und warum wählte er dafür eine Formulierung, die nicht nur auf einen vermeintlich großen Bauchumfang und somit auf eine weit fortgeschrittene Schwangerschaft Annas verweist, sondern auch noch impliziert, dass er selbst auch schwanger sei?

Auch wenn die genauen Intentionen des 61 Jahre alten Albrechts im Hinblick auf seine Teilnahme am Fastnachtfest nicht eruiert werden können, ist zumindest bekannt, dass der Kurfürst gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinem Sohn Friedrich (1460–1536) erst am Beginn des Februars nach Brandenburg gereist war und demnach eine Reise nach Württemberg am Ende des gleichen Monats mit Sicherheit nicht in seinem Interesse lag. Das abgesagte „Zuhauffenkommen“ von Familienangehörigen Albrechts und Ulrichs wurde daher erst am 11. November 1476 am Hof von Ansbach nachgeholt, nachdem der Kurfürst und seine Frau ihre Reise nach Brandenburg Ende August, noch vor Ablauf der im deutschsprachigen Gebiet üblichen sechs Wochen des Kindbettes,6 beendet hatten.7
Die Tatsache, dass Albrecht seinem Freund davon berichtet, dass seine Ehefrau schwanger ist, zeigt, dass es in fürstlichen Kreisen akzeptiert war, eine Schwangerschaft als Argument für etwaige versäumte Treffen zwischen Gleichrangigen vorzubringen. Es ist auch von weiteren hochadeligen Männern bekannt, dass sie während der Zeit der Schwangerschaft und Geburt in der Nähe ihrer Ehefrauen geblieben sind. So verschob etwa Albrechts Enkel Georg von Brandenburg-Ansbach im Dezember 1527 seine Regierungsantrittsreise nach Franken, weil seine zweite Ehefrau Hedwig von Münsterberg-Oels (1508–1531) gerade schwanger war und er lieber erst nach dem Wochenbett gemeinsam mit ihr reisen wollte.8
Auch scheint die Durchsicht des Itinerars Albrechts zu bestätigen, dass er seine schwangere Ehefrau Anna während seiner Reise nach Brandenburg nicht länger allein gelassen hat.9 Es ist zudem Albrechts Aufenthalt am Wallfahrtsort Wilsnack am 16. und 17. Juli bezeugt: Da er bereits in einem Brief vom 31. Januar 1476 an die Herzöge Ernst und Albrecht von Sachsen verkündet hatte, dass er mit Anna nach Brandenburg reisen werde und sich dort „als ein weller zum hyligen blutt dein der Wellsznack“10 begeben werde, ist davon auszugehen, dass sich das Ehepaar dort auch göttlichen Segen für die anstehende Geburt erbeten hat.11
Schwangerschaften und ihre „große“ Ankündigung
In zwei Ehen wurde Albrecht insgesamt neunzehnmal Vater. Vielfach haben sich innerhalb seiner Korrespondenz Passagen zu seinem Handeln rund um die Schwangerschaften seiner Ehefrauen erhalten. Auch andere männliche Vertreter des Hochadels thematisierten Schwangerschaften in ihrer Korrespondenz. Immerhin war die Geburt von Kindern nicht nur für den Erhalt der eigenen Dynastie wichtig, sondern betraf auch Untertanen, Verbündete und Lehensmänner.12 So etwa auch ein Brief, in dem er am 27. Juli 1472 seinen fränkischen Räten von Annas Schwangerschaft zum gemeinsamen zehnten Kind (Georg, 1472–1476) berichtet: „denn vnser gemahel ist swanger vnd versieht sich nach weyhennachten zugeligen, got helff Irs mit gnaden.“13 Das Ehepaar befand sich zu diesem Zeitpunkt gerade zum ersten Mal auf Besuch in der Mark Brandenburg. Im Vergleich zum bereits erwähnten Brief an Ulrich von Württemberg wählte der Kurfürst hier sehr nüchterne Worte. Die sachliche Sprache ist auf die schlichte Informationsweitergabe an seine Verwaltungsbeamten zurückzuführen. Im Gegensatz dazu trug Albrecht gegenüber dem befreundeten Adligen dicker auf.
Wie dick, zeigt ein Brief Annas, den diese fünf Tage vor Albrechts Brief an Ulrich, nämlich am 9. Februar 1476, ihrer Mutter Margaretha von Österreich (1416–1486) geschrieben hatte. In diesem berichtet sie von ihrer Schwangerschaft und teilt ihr mit, dass sie in der Zeit um das Fastnachtfest herum etwa die Hälfte ihrer Schwangerschaft hinter sich haben werde: “Wir lassen euer lieb wissen, das wir von den gnaden gots ein lebendigs kindt tragen und umb vaßnacht, als wir maynen, uber die helfft getragen haben.“14 Ihr Bauch kann zu diesem Zeitpunkt also noch nicht „groß swannger“ gewesen sein.

Diesen Gedanken impliziert aber Albrechts Formulierung, die üblicherweise im Zusammenhang mit hochschwangeren, sich knapp vor der Geburt befindenden Frauen verwendet wurde. So vermeldete etwa Erzherzog Maximilian von Österreich (1459–1519) dem kaiserlichen Berater Sigmund Prüschenk (ca. 1145–1500/1502) im Frühsommer 1478, dass er sein erstes Kind erwarte: „Ich warte alle tag eines schöns sons von meiner gemahl, die altag geliegen soll. All frauen undt ertzt sagen, es soll ein kleiner junger herzog wern; sie meinen auch, daz si ein langer zeit khein frauspildt so grosz und gering haben tragen sehen.“15 Sein Sohn Philip I. (1478–1506) wurde schließlich am 22. Juni geboren. Ein weiteres Beispiel hierfür wäre auch ein Eintrag in das Mirakelbuch der Wallfahrtsstätte Maria Waldrast in Matrei am Brenner für das Jahr 1479 zum wundersamen Ende der Schwangerschaft „ainer erbergen vnd edlen frawen mit namen Brigida pawserin von Villach die grosz swanger was vnd yederman verczagt hett an irem leben“.16
Im Fall von Albrechts Brief scheint die Wortwahl wohl bewusst „groß“ gewählt worden zu sein, womöglich, um über seine immerzu wachsende Kinderschar zu prahlen, die immerhin einen großen Faktor zum Erhalt der eigenen Dynastie darstellte.
„Wir sind schwanger“
Des Weiteren kann, so auch Cordula Noltes Feststellung, aus der Formulierung „so geen wir groß swannger“ geschlossen werden, dass Albrecht sich in die Schwangerschaften seiner Frau miteinbezogen gefühlt zu haben schien.17 Der Soziologe Stefan Hirschauer spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten Koschwangerschaften. Diese denken nicht nur die austragende Mutter, sondern auch das andere Elternteil, sowie weitere „Informations- und Sorgenträger“, also Großeltern, Geschwister, Freunde etc. mit. Letztere stellen dabei als „Schwangerschaftspublikum“ Erwartungen an die werdenden Eltern, die erfüllt werden sollten.18
Albrecht konnte es sich als Kurfürst und somit als Mann an der sozialen Spitze, der ständiger Beobachtung ausgesetzt war, kaum leisten, in einem so heiklen Thema wie der Sicherung seiner Dynastie gesellschaftlichen Anforderungen nicht nachzukommen. Seine Zeugungsfähigkeit und auch die Gebärfähigkeit seiner Ehefrauen waren demnach keine Privatangelegenheit und wurden, wie auch in anderen hochadeligen Familien, durch eine ausgewählte und der Gesundheit zuträgliche Lebensweise, die auch körperliche Ertüchtigung und einen bestimmten Ernährungsstil vorsah, gefördert. Die Zurschaustellung der eigenen körperlichen Vitalität war daher integraler Bestandteil des fürstlichen Herrschaftshandelns und war vor allem gegenüber politischen Konkurrenten gang und gäbe.19
Im Zusammenhang mit spätmittelalterlichen Briefen muss zudem beachtet werden, dass diese ein teilöffentliches Medium darstellten. Sie wurden meistens nicht nur vom Absender verfasst und nicht nur allein vom Empfänger gelesen, sondern von einem viel größerem Personenkreis. Dieser Aspekt der Teilöffentlichkeit hatte also hinsichtlich des angestrebten Erhalts und der Erweiterung der Dynastie Auswirkung auf die in den Briefen kommunizierten Aspekte hochadeliger Vaterschaft(en) und sollte deshalb immer mitbedacht werden.
Albrechts Formulierung kann daher am besten mittels der Theorie des displaying families der britischen Soziologin Janet Finch gedeutet werden. Finch zufolge stellt die Inszenierung nach außen einen grundlegenden Antrieb für die Handlungen von Familienmitgliedern dar.20 Albrechts väterliches Handeln, das, so zeigt es die vorliegende Briefpassage, schon bereits vor der Geburt seines Kindes begann, lässt sich demnach als eine solche Inszenierung interpretieren. In den Briefen stellte er seine (beginnende) Vaterschaft im Sinne eines displaying father zur Schau.
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Albrecht Achilles und seine Ehefrau Anna von Sachsen; Stockholm, Nationalmuseum, Sammlung Gripshom, ca. 1625; Ausschnitt, Wikipedia Commons.
Abb. 2: Wunderblutkirche St. Nikolai in Bad Wilsnack, Brandenburg, Wikipedia Commons.
Abb. 3: Rogier van der Weyden, Heimsuchung, ca. 1235–1400; Ausschnitt; Wikipedia Commons.
Anmerkungen
- STEINHAUSEN Georg (Hg.), Deutsche Privatbriefe des Mittelalters 1. Fürsten und Magnaten, Edle und Ritter (= Denkmäler der deutschen Kulturgeschichte. Erste Abteilung Briefe 1), Berlin 1899, 156–157, Nr. 224. „Wir sind groß schwanger, deshalb verschiebt sich unser Zusammentreffen in diesem Jahr“ (übers. Petutschnig).
- Damit war ebenfalls das Fernbleiben von der Hochzeit von Ulrichs Tochter Helene (nach 1453–1506) mit Graf Kraft VI. zu Hohenlohe (etwa 1445–1503) verbunden, die am 26. Feber 1476 stattfinden sollte.
- MARTSCHUKAT Jürgen, Geschichte der Männlichkeiten. Akademisches Viagra oder Baustein einer relationalen und intersektionalen Geschlechtergeschichte?, in: L´Homme 26 (2015) 2, 119–127, hier 125.
- So analysiert etwa Philip Grace mittels verschiedener Quellenarten (u. a. auch Briefen aus der Amerbach-Korrespondenz) verschiedene Vatertypen im Basler Bürgertum, während Mathias Beers Studie zur Eltern-Kind-Beziehung auf das Nürnberger Stadtbürgertum fokussiert und ebenfalls Briefe basiert: GRACE Philip, Affectionate Authorities. Fathers and Fatherly Roles in Late Medieval Basel, Farnham 2015; BEER Mathias, Eltern und Kinder des späten Mittelalters in ihren Briefen. Familienleben in der Stadt des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit mit besonderer Berücksichtigung Nürnbergs (1400–1550) (= Schriftenreihe des Stadtarchivs Nürnberg 44). Nürnberg 1990.
- BOJCOV Michail, Art. Fest zu besonderen Anlässen, in: Werner Paravicini/Jan Hirschbiegel/Jörg Wettlaufer (Hgg.), Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich (= Residenzenforschung 15.III), 223–229, hier 224–225.
- STOLLBERG-RILINGER Barbara, Rituale (= Historische Einführungen 16), Frankfurt/New York 2013, 61.
- MÜLLER Mario, Das Reiseverhalten deutscher Fürstinnen im 15. und 16. Jahrhundert. Mit zwei Itineraren zu den Aufenthaltsorten Kurfürstin Annas von Brandenburg (1437–1512) und Herzogin Marias von Pommern (1515–1583) (= Hildesheimer Beiträge zu Theologie und Geschichte 7), Hildesheim 2017, 48.
- NOLTE Cordula, der leib der hochst schatz – Zu fürstlicher Körperlichkeit, Gesunderhaltung und Lebenssicherung (1450–1550). Familien- und alltagsgeschichtliche Perspektiven, in: Jörg Rogge (Hg.), Fürstin und Fürst. Familienbeziehungen und Handlungsmöglichkeiten von hochadeligen Frauen im Mittelalter (= Mittelalter-Forschungen 15), Ostfildern 2004, 45–92, hier 84.
- MÜLLER Mario, Reiseverhalten, Jahr, 48.
- MÜLLER Mario, Reiseverhalten, Jahr, 48. Er werde sich als „ein Wallfahrter zum Heiligen Blut nach Wilsnack“ begeben“ (übers. Petutschnig).
- PRIEBATSCH Felix (Hg.), Politische Correspondenz des Kurfürsten Albrecht Achilles 2. 1475–1480, 199, Nr. 181.
- BOJCOV Michail A., Art. Feste im Lebenslauf. In: PARAVICINI/HIRSCHBIEGEL/WETTLAUFER (Hgg.), Höfe und Residenzen. Hof und Schrift, 185–188, hier 185.
- BURKHARDT Carl August Hugo, Quellensammlung zur Geschichte des Hauses Hohenzollern 1. Das Funfft Merckisch Buech des Churfuersten Albrecht Achilles (1471–1473), Jena 1857, 179–180, Nr. 98. „denn unsere Ehefrau ist schwanger und wird, so Gott ihr helfe, nach Weihnachten niederkommen“ (übers. Petutschnig).
- STEINHAUSEN, Privatbriefe 1, 1899, 156, Nr. 223. „Wir informieren Euch, dass wir dank der Gnade Gottes mit einem lebendigen Kind schwanger sind und um Fastnacht, wie wir meinen, etwa die Hälfte der Schwangerschaft erreicht haben werden“ (übers. Petutschnig).
- STEINHAUSEN, Privatbriefe 1, 1899, 191, Nr. 275; „Ich erwarte jederzeit die Geburt eines schönen Sohns durch meine Gemahlin, die jederzeit gebären soll. Alle Frauen und Ärzte sagen, es wird ein kleiner junger Herzog werden. Sie meinen auch, dass sie seit langer Zeit keine Frau mehr so groß und gering schwanger gesehen haben.“ (übers. Petutschnig).
- MOSER Hans, Mirakelbuch von Maria Waldrast I. Die Texte des 15. Jahrhunderts, in: Johann Holzner/Oskar Putzer/Max Siller (Hgg.), Literatur und Sprachkultur in Tirol (= Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe 55), Innsbruck 1997, 255, Nr. 93; „einer ehrbaren und edlen Frau namens Brigitta Pauserin aus Villach, die groß schwanger war und hinsichtlich deren (Über-)Lebens jeder verzagt hat“ (übers. Petutschnig).
- NOLTE, Zu fürstlicher Körperlichkeit, 2004, 84.
- HIRSCHAUER Stefan, Schwanger! Eine biografische und theoretische Krise, in: Stephan Lessenich (Hg.), Routinen der Krise – Krise der Routinen. Verhandlungen des 37. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Trier 2014, Trier 2015, 89–98, hier 92–93.
- NOLTE, Zu fürstlicher Körperlichkeit, 2004, 51.
- FINCH Janet, Displaying Families, in: Sociology 41 (2007) 1, 65–81.
Kommentar schreiben