Für die Forschung festhalten: Das Frida-Interviewprojekt zum 30. Jubiläum

Der Verein Frida feiert heuer sein 30. Jubiläum. Nachdem im ersten Beitrag die Geschichte von Frida skizziert wurde, wird das Interviewprojekt mit Frida-Mitgründerinnen* sowie seine Methodik und die Beweggründe vorgestellt.

Screenshot von der frida-Website, Unterseite zum Projekt "Interviews mit frühen Aktivistinnen von frida"
Interviews mit frühen frida-Aktivistinnen, zugänglich unter frida/Interviews mit Aktivistinnen.

Der Verein zur Förderung und Vernetzung frauenspezifischer Informations- und Dokumentationseinrichtungen in Österreich (frida), gegründet 1992, verstand vom Anfang an Frauen*- und Geschlechtergeschichte bzw. -forschung zu dokumentieren und Quellen aufzubewahren und bereitzustellen als Teil seiner Aufgaben.[1] Im Jubiläumsjahr erhielt das Anliegen, nicht nur zu dokumentieren, sondern auch selber Geschichte zu machen, eine neue Dimension: frida startete gemeinsam mit dem Oral History Projekt „MenschenLeben[2] der Österreichischen Mediathek eine Interviewreihe, um ihre eigene Geschichte als feministisches Projekt zu dokumentieren.

Vier derzeit aktive frida-Frauen interviewten dafür Aktivistinnen der ersten frida-Generation. Als Interviewpartnerinnen wurden ehemalige Vereinsobfrauen und ihre Stellvertreterinnen ausgewählt, deren Namen in den Sitzungsprotokollen im eigenen Vereinsvorlass überliefert sind.[3] Schlussendlich wurden Christa Bittermann-Wille, Christine Budder, Barbara Kintaert, Ilse Korotin, Traude Pietsch und Hildegard Steger-Mauerhofer für das Projekt interviewt.[4] Wir wollten wissen: Wer waren die Akteurinnen, die 1992 das Netzwerk gegründet haben? In welchem Kontext sind sie feministisch aktiv geworden? Und wie berichten sie heute darüber?

In diesem Beitrag liegt der Fokus auf den Erlebnissen der Interviewerinnen bei der Durchführung der Interviews. Ihre Reflektion des Entstehungsprozesses soll einen Einblick in die Erfahrungen von Wissenschaftler*innen erlauben, ein Aspekt der in der Forschung zumeist weitgehend unbeleuchtet bleibt. Die Interviews selbst sind niederschwellig zugänglich, stehen damit der feministisch interessierten Öffentlichkeit jederzeit zu Verfügung und können ebenso für die Forschung herangezogen werden. Zudem möchten wir auch auf die Spezialausgabe der VÖB-Mitteilungen anlässlich des 30. frida-Jubiläums hinweisen, in der frida-Frauen ihre „persönliche frida-Geschichte“ erzählen.[5]

Ziele des Interviewprojekts

Im Interviewprojekt ging es für frida einerseits um eine Dokumentation von jahrzehntelangem feministischem Engagement – sowohl vom Netzwerk selbst als auch von den einzelnen Frauen, die ihre spannenden Lebensgeschichten erzählten. Andererseits sollte die Dokumentation die Arbeit der Frauen für das feministische Informations- und Dokumentationswesen und die Frauenbewegung festhalten und würdigen.

Buchcover von "kolloquiA. Frauenbezogene / feministische Dokumentation und Informationsarbeit in Österreich. Lehr- und Forschungsmaterialien."
Buchcover von kolloquiA, 2001. Quelle: frida/kolloquiA.

Insofern passt das Interviewprojekt gut mit dem frühen frida-projekt „kolloquiA. Frauenbezogene, feministische Dokumentation und Informationsarbeit in Österreich“ zusammen.[6] Auch bei kolloquiA ging es unter anderem darum, „die umfassenden Leistungen feministischer Informationsexpertinnen einer breiten […] Öffentlichkeit bewusst“ zu machen. Das Anliegen war dabei „die geschlechterdemokratische ‚Sichtbarmachung‘ von Frauen im konkreten Arbeits- und Wissenschaftsgebiet zu fördern und beruflichen Geschlechterstereotypien, wie sie sich beispielsweise in der Verknüpfung von traditionellem Frauenbild und Bibliothekarinnenimage präsentieren, entgegenzuwirken.“[7]

Das Interviewprojekt kann auch als eine willkommene Intervention im Projekt „MenschenLeben“ betrachtet werden. Die Zusammenarbeit wurde von den Mitarbeiter*innen der Österreichischen Mediathek angeregt, damit feministische Perspektiven und feministische Geschichte in der Sammlung vertreten sind. Das soll nicht heißen, dass feministische Perspektiven sonst nicht vertreten wären, jedoch konnte damit die lebensgeschichtliche Erfahrung bei feministischen Projekten für die Nachwelt dokumentiert und damit auch die Diversität sowie die Repräsentativität der Sammlung erhöht werden.

Methodik und Fragestellungen

Nachdem für die lebensgeschichtlichen Interviews der Sammlung „MenschenLeben“ bestimmte Kriterien erfüllt werden müssen, nahmen die Interviewerinnen zunächst an einer zweitägigen Einschulung teil. Dabei ging es um die technischen Anforderungen der Interviews (spezielle Aufnahmegeräte, die Anwendung bestimmter Dateiformate), aber auch um die Struktur der Interviewführung und die Nachbearbeitung (Dokumentation und Beschlagwortung), die nach einem festgelegten Leitfaden erfolgen mussten.

Die Interviews von „MenschenLeben“ bestehen grundsätzlich aus drei Phasen. Die erste, „narrative“ Phase leitet die Interviewerin mit der Aufforderung „Erzählen Sie mir Ihre Lebensgeschichte!“ ein. Daraufhin soll die interviewte Person von ihrem Leben erzählen, solange sie kann und will. Die Interviewerin lässt erzählen – sie stellt keine Zwischenfragen, sondern macht Notizen und notiert sich Fragen für die zweite Phase des Interviews.

Die zweite Interviewphase besteht aus Fragen, Vertiefungen und Reflexionen. Einerseits wird mit Hilfe eines Fragenkatalogs versucht, Lücken in der erzählten Lebensgeschichte zu füllen. So wird etwa nachgefragt, wie die Kindheit und die Schulzeit waren, wenn dies von der interviewten Person nicht thematisiert wurde. Anderseits formuliert die Interviewerin anhand ihrer eigenen Notizen weiterführende Fragen zu Ereignissen, die nur zum Teil erzählt wurden, oder bittet um Reflexion von Erzähltem und um Erläuterung, wie die interviewte Person zu ihrer Perspektive gekommen ist.

Die letzte Phase fokussiert auf erinnerungsunterstützende Materialien. Die Interviewte wird gebeten, sich vor dem Gespräch Objekte auszusuchen, die für sie signifikant sind, um sie zu beschreiben und zu kontextualisieren. Die Objekte können Fotos, eine beliebte Puppe, ein Reiseandenken oder Ähnliches sein. Die interviewte Person erzählt, wie sie zum Objekt gekommen ist, was es für sie bedeutet, in welcher Lebensphase sie sich damals befand usw. Diese Objekte werden abfotografiert oder gescannt und als Teil der Interviewunterlagen an das Projekt „MenschenLeben“ abgeliefert.

Wir Interviewerinnen von frida, Elizabeth Kata, Lizzi Kramberger, Petra Pint und Maria Steiner, mussten uns an diese Struktur halten, wir konnten aber in der zweiten Phase des Interviews Fragen stellen, die auf unser feministisches Interesse und die Geschichte von frida abzielten. So fragten wir die interviewten Personen: „Wie waren die Geschlechterverhältnisse in der Jugend, während des Studiums und im Arbeitsleben? Wie bist du zur Frauenbewegung gekommen? Welche Erlebnisse waren prägend? Wie reagierte das Umfeld auf dein feministisches Bewusstsein? Welche Verhältnisse fandest du im Bibliotheks- und Dokumentationsbereich vor? Welche Anlässe führten zur Gründung von frida und motivierten dich zur Teilnahme? Was wolltest du bewegen und wen wolltest du mit der Arbeit in frida erreichen und ansprechen? Was für eine Rolle spielte die Frauenbewegung in deinem Leben und spielt sie noch immer eine Rolle? Welche Themen waren für dich zentral und haben sich diese im Laufe der Zeit geändert?“

Von der Theorie zur Praxis: Unsere Erlebnisse mit den Interviews

Christina Buder, von 1998 bis 2007 Vorsitzende des Vereins frida.
Christina Buder, Vereinsvorsitzende von 1998 bis 2007, beim lebensgeschichtlichen Interview 2020. Foto: Lizzi Kramberger.

Die Einschulung von „MenschenLeben“ war sehr informativ und hilfreich. Doch es wurde Zeit, selbst Interviews zu führen. Die Mehrheit der Interviewerinnen hatte zuvor noch keine spezifischen Erfahrungen mit lebensgeschichtlichen Interviews. Vor allem die Technik war gewöhnungsbedürftig und wir alle waren nervös, Fehler zu machen. In der Tat ging ein Interview fast vollständig verloren – nach den ersten zehn Minuten fiel der Ton aus und es war technisch nicht möglich, die Tonaufnahme im Nachhinein wieder herzustellen. Außer in diesem Fall lief aber doch alles gut. Die vom Projekt „MenschenLeben“ zur Verfügung gestellte Technik ermöglichte hochqualitative Aufnahmen.

Neben der Technik war die von „MenschenLeben“ vorgegebene Struktur für uns Interviewerinnen eine Herausforderung. Meine eigene Erfahrung war, dass es mir im ersten Teil schwerfiel, als Interviewerin nichts zu sagen oder nachzufragen, und auch meine Interviewpartnerin wünschte sich mehr Feedback oder Hinweise. Für manche Menschen ist es schwer, frei über sich zu reden. Oder sie betrachten sich und ihr Handeln als unwichtig und unwesentlich, insbesondere für eine Verewigung in einem historischen Zeitdokument. Doch als Feministinnen wissen wir, dass das Persönliche politisch ist und das Alltägliche viel über die Gesellschaft und die Behandlung von Frauen aussagen kann. Deswegen war der Austausch von persönlichen Erfahrungen wie auch der Bewusstseinsprozess, das Consciousness Raising, ein wesentlicher Aspekt der Frauenbewegung.

Lizzi Kramberger, frühere Mitarbeiterin des aufgelösten Frauenarchives DOKU Graz,[8] beschrieb die Interviewsituation so: „Der Vorteil der Narration, also des Sprechenlassens, ist, dass die interviewte Person zu den Themen, die ihr wichtig erscheinen, ausführlich berichten kann. Manchmal war ihnen die Bedeutung mancher Lebensabschnitte zuvor gar nicht so bewusst. Anderen Bereichen, die meines Erachtens nach zu wenig angesprochen wurden, konnte ich in der zweiten Interviewphase durch gezielte Fragen nachgehen.“

Maria Steiner, Mitarbeiterin im Kreisky Archiv und im Johanna Dohnal Archiv, war mit dem Führen von Oral History Interviews bereits vertraut. Sie bemerkte: „Es war interessant zu sehen, wie sich die Rollen umkehren und aus Dokumentarinnen Dokumentierte werden. Das war ganz offensichtlich ungewohnt für die interviewten Personen. Dokumentarinnen und Bibliothekarinnen sind in der Regel keine extrovertierten Personen, die sich wie Schauspielerinnen einfach hinstellen und performen. Meiner Erfahrung nach handelt es sich zumeist um reflektierte, belesene und ruhig wirkende Menschen, die beruflich in erster Linie Wissen für andere zugänglich machen. Sie sind es nicht gewohnt, öffentlich über sich selbst zu sprechen, privat schon, aber nicht öffentlich. Sie wissen ja, dass jedes ‚Schrifterl a Gifterl‘ sein kann. In der Interviewsituation waren sie sich der Umkehrung dieser Rollen durchaus bewusst. Ich hatte den Eindruck, dass sie über das Interesse an ihrer Person überrascht waren und sich sogar ein wenig geschmeichelt fühlten.“

Eine Postkarte von frida (Verein zur Förderung und Vernetzung frauenspezifischer Informations- und Dokumentationseinrichtungen in Österreich)
Postkarte von frida (2018); Abbildungen von links oben: Dohnal Archiv, STICHWORT, Ariadne, Frauen*Solidarität, Sammlung Frauennachlässe, STICHWORT. Quelle: frida.

In den Interviews thematisierte die erste Generation von frida-Frauen ihre Erlebnisse des Alltagssexismus in Schule und Beruf, die Situation von Frauen in Bibliotheken und Informationseinrichtungen und welche Anlässe in ihrem Leben dazu führten, „aufzuwachen“, sich zu vernetzen und ein geeignetes Instrumentarium zu entwickeln, um Frauen in der Literatur, Politik und Arbeitswelt sichtbar zu machen. Spannend war es für uns auch zu erfahren, wie wichtig es für die interviewten Frauen gewesen ist, ihr berufliches Handeln zu hinterfragen und gemeinsam auf eine feministische Ebene zu bringen.

Der Austausch zwischen uns aktiven frida-Frauen und unseren Vorgängerinnen war sehr bereichernd und anregend. Frauen und ihre Erfahrungen als interessant und dokumentationswürdig zu erachten, ist ein Stück feministische Praxisarbeit und entspricht der Dokumentationstätigkeit von frida und frida-engagierten Frauen*.

Die Ergebnisse – online und für die Forschung zugänglich

Die Ergebnisse des Projekts sind in Form von sechs Interviews (teils ganz, teils in Ausschnitten) über den Katalog der österreichischen Mediathek abrufbar, wie sie auch direkt auf der Website von frida nachhörbar sind – feministische Beschlagwortung inklusive. Sie stehen damit für wissenschaftliche Auswertungen zur Verfügung – oder auch ganz einfach zum Reinhören. Dort erfahrt ihr mehr darüber, wer die Akteurinnen waren, die 1992 das Netzwerk gründeten, in welchem Kontext sie feministisch aktiv geworden sind und wie sie heute darüber berichten.

Elizabeth Kata

Anmerkungen

[1] Für eine ausführliche Geschichte des Vereins, siehe: Li Gerhalter: Frauen – Information – Dokumentation – Archiv. Das feministische Netzwerk frida, in: Susanne Blumesberger, Li Gerhalter und Lydia Jammernegg (Hg.) (2022): Archiv-, Bibliotheks- und Dokumentationspolitiken. Frauen*- und genderspezifische Zugänge. Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare, Bd. 75 Nr. 1, S 17-36. https://doi.org/10.31263/voebm.v75i1.7118 . Abgerufen: 2022-06-11.

[2] Das Oral History Projekt „MenschenLeben“ der Österreichischen Mediathek führt und sammelt seit 2009 lebensgeschichtliche Interviews und macht diese öffentlich zugänglich. Vgl. „MenschenLeben – Eine Sammlung lebensgeschichtlicher Erzählungen.” https://www.mediathek.at/menschenleben/projekt-menschenleben/. Abgerufen: 2022-02-21.

[3] Der Vorlass des Vereins frida befindet sich im STICHWORT, Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung unter der Signatur G 289.

[4] Eine genaue Auflistung der Vereinsfunktionen der Interviewten ist auf der frida Website zu finden: https://frida.at/projekte/interviews-mit-aktivistinnen. Abgerufen: 2022-05-15.

[5] „Wissen, Können und Herzblut“. Persönliche Statements zum 30jährigen Bestehen von frida, in: Susanne Blumesberger, Li Gerhalter und Lydia Jammernegg (Hg.) (2022): Archiv-, Bibliotheks- und Dokumentationspolitiken. Frauen*- und genderspezifische Zugänge. Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare, Bd. 75 Nr. 1, S 37-52. https://doi.org/10.31263/voebm.v75i1.6918 . Abgerufen: 2022-06-11.

[6] Im Rahmen des Projekts entstand die Publikation: Klösch-Melliwa, Helga; FRIDA – Verein zur Förderung und Vernetzung frauenspezifischer Informations- und Dokumentationseinrichtungen in Österreich (Hg.) (2001): KolloquiA. Frauenbezogene/feministische Dokumentation und Informationsarbeit in Österreich. Lehr-und Forschungsmaterialien. Wien, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft. u. Kultur. (Materialien zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft, Bd. 11).

[7] Die Zitate wurden aus der gekürzten Einleitung auf der frida-Website entnommen: KolloquiA – Aus der Einleitung (Publikation 2001), https://frida.at/projekte/kolloquia/kolloquia-aus-der-einleitung. Abgerufen: 2022-05-15.

[8] Der Bestand wurde dem STICHWORT übergeben und die steiermarkspezifischen Bestände gingen als Dauerleihgabe an das Stadtarchiv Graz. Siehe dazu Kata, Elizabeth (2014): Das Findbuch zu den DOKU-Graz-Beständen im GrazMuseum, Wien 2014. Online verfügbar unter: URN: urn:nbn:at:at-ubw:1-29823.18788.747754-7 bzw. https://othes.univie.ac.at/35265 sowie https://gais.graz.at/stadtarchiv-graz/objekt.jsp?id=873950. Abgerufen: 2022-05-23.

Von |2022-08-15T15:54:02+02:0015. Juni 2022|Gesellschaft&Geschichte|0 Kommentare

Elizabeth Kata, Bacherlorstudium der Mediävistik und Germanistik am Bryn Mawr College (USA), Masterstudium der Geschichtsforschung, historischen Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft an der Universität Wien. Archives Associate im Archiv der International Atomic Energy Agency, vorher Archivarin im STICHWORT, Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung. Forschungsschwerpunkte: Bewegungsarchive, Archivalienkunde und digitale Langzeitarchivierung.

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