Die Fahrradfahrerin als Symbol der modernen Frau

Amazone oder Aphrodite, hässlich oder graziös, abstoßend oder anziehend – die ersten Radfahrerinnen polarisierten und erregten die Gemüter. Die Darstellung der sportlichen Frauen um 1900 in Karikaturen und Werbungen bewegte sich dabei zwischen zwei Extrempolen: ‚Mannweib‘ und sexualisiertes Werbesujet.

Annonce Peter’s Verbund-Pneumatic Schlauchreifen, Jugend Jg. 3 (1898) Nr. 21, S. 357, Quelle.

„Das Rad, – das Rad der Frau ist so recht das Symbol unserer Zeit.“[1]

Immer wieder finden sich derartige Zitate in der deutschsprachigen Literatur rund um das Radfahren der Jahrhundertwende. Zum einen wurde das Fahrrad generell als „zeitgemässe Versinnbildlichung“[2] der Epoche mit ihrem schnelllebigen, beschleunigenden, technikgetriebenen Charakter aufgefasst, zum anderen wurde speziell die Frau auf dem Rad als Symbol einer neuen Zeit und eines neuen Frauenbilds interpretiert. Die Radlerin verkörperte eine „New Woman“,[3] die von der Historikerin Ute Frevert folgendermaßen charakterisiert wird:

„Die ‚new woman‘ oder ‚moderne Frau‘, von einer ‚neuen Ethik‘ individueller Freiheit und kollektiver Verpflichtung durchdrungen, ihre Sexualität bejahend und verantwortungsbewußt auslebend, auf eigenen Füßen stehend, im Mann den Kameraden suchend, sich ihm nicht unterwerfend, sondern von gleich zu gleich begegnend: Dieser – klassenmäßig nicht mehr gebundene – Frauentyp war in der Tat eine Innovation der Jahrhundertwende.“[4]

Mit dem Fahrrad errangen die Frauen individuelle Freiheiten im Bereich der Mobilität, aber auch in so mancher Kleidungsfrage. Sie unternahmen kameradschaftliche Ausflüge, nicht nur mit anderen Radlerinnen, sondern auch mit anderen Radlern und erlebten ein neues Gefühl von Selbständigkeit

Konkurrenzfurcht und Zukunftsängste

Diese Annäherung der Geschlechter widersprach jedoch der Polarität von Mann und Frau, welche viele im 19. Jahrhundert zu beschreiben und zu beweisen versuchten, um damit nicht zuletzt das Patriarchat zu legitimieren.[5] Das Festhalten an diesen polaren Unterschieden der Geschlechter zeugt zumindest auf der männlichen Seite von Konkurrenzfurcht bzw. Angst vor Machtverlust.

Effigy of woman undergraduate during campaigning for 1897, © Cambridge University Library, UA Phot.174/4, Quelle.

Laut Ute Frevert spiegelte es darüber hinaus „das tiefempfundene Bedürfnis, dem rasanten Wandel ein statisches Moment entgegenzusetzen, einen Anker zu werfen, an dem die Menschen zur Ruhe kommen und sich ihrer Identität versichern konnten.“[6] Jedenfalls provozierten die raschen sozialen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen und Veränderungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts diverse Zukunftsängste. Diese Kombination aus Ängsten führte häufig zu Anfeindungen, Beschimpfungen oder Pöbeleien, wenn Frauen in männliche Domänen, wie etwa den Bildungsbereich oder eben sportliche Betätigung, vordrangen.

1897 kam es an der Universität Cambridge beispielsweise zu einem Vorfall, der diese These anschaulich untermauert. Männliche Studenten protestierten gegen die Erteilung von Universitätsabschlüssen an Frauen. Als Symbol ihres Widerstandes hängten sie eine, auf einem Fahrrad sitzende, weibliche Puppe auf. „Die radfahrende Frau, Sinnbild der körperlichen Befreiung der Frau, wurde symbolisch immobilisiert und lächerlich gemacht. Die Emanzipation sollte zum Stillstand kommen – sie sollte in der Luft hängenbleiben.“[7] So interpretiert Willibald Steinmetz diese vielsagende, metaphorische Protestform. Aber diese abwertenden Darstellungen waren nur eine Seite der zeitgenössischen Bilderwelt zu Rad fahrenden Frauen.

Aphrodite vs. Amazone

In der Öffentlichkeit des wilhelminischen Deutschlands entstanden vielmehr zwei konträre Bilder der New Woman auf dem Fahrrad, die in ihren Extremformen nicht weiter voneinander entfernt hätten sein können.[8] Auf der einen Seite gab es die männlich aussehende, hässliche, grimmige „Emanze“, „Amazone“[9] – auch „Mannweib“[10] genannt –, welche in antifeministischen Karikaturen ins Lächerliche gezogen wurde. Auf der anderen Seite stand die schöne und clevere Aphrodite, welche mit ihrer modischen, modernen Erscheinung die Herzen höherschlagen ließ und vor allem von der Werbeindustrie als begehrenswert sexualisiert wurde.

Karikatur „Die Frau – Einst und Jetzt“, Jugend Jg. 2 (1897), Nr. 23, S. 381, Quelle.

Zwei Darstellungen liefern jeweils ein Beispiel für die polaren Vorstellungen der modernen Frau in der Publizistik des Fin de Siècle. Das erste Bild, eine Karikatur der Jugend aus dem Jahr 1897, mit dem Untertitel „Die Frau – Einst und Jetzt“, zeigt eine große, hagere, androgyne Radlerin nebst ihrem Herrenrad, die nur durch ihre Kleidung als Frau erkennbar ist. Mit dem damals in der bürgerlichen Schicht üblichen langen Rock war es den Damen nicht möglich, ein solches Rad mit hoher Querstange zu besteigen, sofern sie es nicht wagten, Hosen zu tragen (siehe dazu den Blogbeitrag vom 15.11.2021). Stattdessen verhalfen in den 1890ern Damenmodelle mit nach unten durchgebogenen Querstangen, sowie oftmals Ketten- und Kleiderschutz, Fahrrädern zu einer größeren Verbreitung in der bürgerlichen Damenwelt.[11] Die Darstellung neben einem Herrenmodell soll demnach den männlichen Charakter der Frau-enfigur weiter unterstreichen.

Die Radlerin findet sich ihrer hochschwangeren Vorfahrin gegenüber, welche Mutter der sechs danebenstehenden Kinder ist. Der Hintergrund trennt die beiden polaren Weiblichkeitsbilder in ein schwarzes und ein weißes Feld. Die Radfahrerin wird als unweiblich, womöglich gar nicht gebärfähig oder -willig dargestellt und widerspricht dadurch dem vorherrschenden Ideal der Mutterschaft.

Das zweite Bild ist eine Fahrradwerbung der Firma Opel aus dem Jahr 1898. Zu sehen ist eine Frau in knielangen Pumphosen in triumphierender Pose vor einem Herrenrad. Mit der rechten Hand hält sie ihre Kappe (ebenfalls ein modernes Accessoire für Damen) empor und wirkt dabei ganz und gar nicht unweiblich, sondern graziös und begehrenswert. Der Lorbeerkranz im Hintergrund und der nebenstehende Schriftzug „Die Siegerin“ setzen die Radfahrerin eindeutig in einen wettbewerblichen Kontext – zu einer Zeit, in der Damenrennen vom Deutschen Radfahrer-Bund untersagt waren. Der sportliche Bezug an sich ist allerdings nicht überraschend, da das Fahrrad zu dieser Zeit mehr ein luxuriöses Sport- und Freizeitgerät für die Wohlhabenden als ein alltägliches Fortbewegungsmittel war.[12]

Werbeannonce der Firma Opel, Die Radlerin Jg. 3 (1898/99), Nr. 5, S. 134, Quelle.

Sex Sells

Die Werbetreibenden zielten dabei darauf ab, eine größtmögliche Anzahl an Konsument*innen anzusprechen und sie zu einem Kauf zu bewegen. Die Werbestrategie kann nach dem heute verbreiteten AIDA Modell[13] analysiert werden: Die gewagte Darstellung als Siegerin erregte mit Sicherheit erste Aufmerk-samkeit (Attention), der Radfahr-Boom der Zeit reichte vermutlich bereits aus, um genügend Interesse zu wecken (Interest). Schließlich ging es also darum, ein Desire zu schaffen.

Für Männer wurde dieses Abbild der modernen Frau zu einem Objekt der Begierde, progressivere Frauen wollten womöglich so sein wie sie. Anzunehmen ist jedoch bei diesem konkreten Beispiel im Kontext des Rennsports, dass die Hauptzielgruppe Männer darstellten, ganz nach dem Motto „sex sells“.[14] Denn die Annonce bewarb schließlich ein Herrenrad, die Frau auf dem Plakat sollte mehr Zierde sein als tatsächliche Kundin. Die „Siegerin“ meint daher vermutlich eher die Firma Opel als „feinste deutsche Marke“ (wie es in der Annonce heißt) bzw. das Produkt an sich. Die dahinterstehende Message: Durch den Kauf des Fahrrads (Action) wird der männliche Wunsch (Desire), das beste und schnellste Fahrrad zu besitzen in Erfüllung gehen.

Ein schmaler Grat zwischen Fashion Girl und Mannweib

David Ehrenpreis fasst das Verhältnis der beiden konträren Interpretationen der New Woman folgendermaßen zusammen:

„As long as female independence remained an appealing abstraction, and the desired social changes entailed nothing more than the adoption of the latest fashion or a new mode of transportation, the New Woman remained a popular model. […] But when women’s search for independence grew into concrete demands for change, society put on the brake. The New Woman who overstepped her boundaries became the hideous Mannweib, the embodiment of society’s anxiety about the woman question. “[15]

Titelblatt, Jugend Jg. 1 (1896), Nr. 29, Quelle.

Die positive Repräsentation der modernen Frau als attraktiv, aktiv und selbständig wurde demnach insbesondere in der Fahrradbranche häufig als Werbemotiv genutzt.[16] Ging es den zeitgenössischen Radlerinnen indessen um mehr als eine modische Erscheinung, wurden sie schnell in der Öffentlichkeit als unweiblich angeprangert und lächerlich gemacht.

Die Radfahrerinnen bewegten sich offenkundig zwischen diesen beiden Polen. Der Begriff der Emanzipation wurde dabei in der Debatte ambivalent verwendet. Viele Gegner*innen des Damenradfahrens setzten ihn als Kampfbegriff ein, um die Radfahrerinnen herabzusetzen. Diese negative Konnotation führte dazu, dass sich einige Radlerinnen nicht mit dem Begriff assoziieren lassen wollten.[17] Vereinzelt wurde er allerdings auch positiv wahrgenommen und eingesetzt, wie beispielsweise von der Autorin des Vademecums, eines Fahrrad-Ratgeberhandbuchs für Damen, die dafür anonym bleiben wollte.[18]

Symbol einer neuen Zeit

Nicht nur das Fahrrad selbst, sondern insbesondere die Frau auf dem Fahrrad wurde zum Symbol einer neuen Ära. Die Rad fahrende Dame verkörperte für Befürworter*innen wie Gegner*innen die Tatsache, dass das Frauenbild im Wandel begriffen war. Nur ob zum Positiven – im Sinne einer selbständigen, befreiteren „New Woman“ – oder zum Negativem – im Sinne einer Vermännlichung bzw. eines Sittenverfalls – darüber schieden sich die Geister.

Bis ins Extreme stilisiert wurde die Radlerin sowohl in Karikaturen als auch intensiv in der Werbebranche. Die „New Woman“ bewegte sich dabei auf einem schmalen Grat: Akzeptiert und gepriesen als modisches Vorbild, doch schnell verurteilt und herabgewürdigt, wenn sie grundlegende Forderungen nach Emanzipation stellte.

Veronika Ebner

Anmerkungen

[1] Schulze-Brück, Louise: Das Damenradeln, in: Das neue Jahrhundert, Köln, 3 (1900), S. 146-150, hier S. 147, zitiert nach Bleckmann, Dörte: Wehe wenn sie losgelassen! Über die Anfänge des Frauenradfahrens in Deutsch-land. Leipzig 1998, S. 27.

[2] Salvisberg, Radfahrsport, Vorwort o. S.; Diese These wird auch teilweise in der modernen Forschung vertreten, bspw. Meyer, Benedikt: vorwärts rückwärts. Zur Geschichte des Fahrradfahrens in der Schweiz. Nordhausen 2014, S. 18: „Bedürfte die Belle Epoque eines Wappentiers: es wäre das Fahrrad.“

[3] Teilweise auch als „Early New Woman“ bezeichnet, Muellner, Beth: The Photographic Enactment of the Early New Woman in 1890s German Women’s Bicycling Magazines, in: Women in German Yearbook 22 (2006), S. 167-188; Auch Ebert verweist darauf, dass der Begriff der „New Woman“ gerade im deutschen Kontext häufig erst mit der Weimarer Republik in Verbindung gebracht wird. Sie verwendet ihn aber dennoch für die Radfahre-rinnen der 1890er Jahre, siehe Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutsch-land und den Niederlanden bis 1940. Frankfurt am Main 2010 (= Campus historische Studien Bd. 52), S. 142.

[4] Frevert, Ute: Die Zukunft der Geschlechterordnung. Diagnosen und Erwartungen an der Jahrhundertwende, in: Dies. (Hrsg.): Das Neue Jahrhundert. Europäische Zeitdiagnosen und Zukunftsentwürfe um 1900. Göttingen 2000 (= Geschichte und Gesellschaft. Sonderheft 18), S. 146-184, hier S. 172.

[5] Ebert, Nationen, S. 104f.

[6] Frevert, Jahrhundert, S. 161f.

[7] Steinmetz, Willibald: Europa im 19. Jahrhundert. Frankfurt am Main 2019 (= Neue Fischer Weltgeschichte Bd. 6), S. 439.

[8] Siehe dazu v.a. Ehrenpreis, David: Cyclists and Amazons. Representing the New Woman in Wilhelmine Germany, in: Woman’s Art Journal 20 (1999), S. 25-31.

[9] Selbst das Vademecum für Radfahrerinnen distanziert sich von „Amazonen“: „Wir wollen keine kampfeslüs-ternen, ruhmlechzenden Amazonen.“, [Stern, Gisela]: Vademecum für Radfahrerinnen. Ein Hilfsbuch in Fragen der Fahrtechnik, der Gesundheit, der Etiquette und der Kleidung. Hrsg. von der Redaktion der „Wiener Mode“. Wien 1897, S. 37.

[10] Vgl. Ehrenpreis, Cyclists.

[11] Bleckmann, Anfänge, S. 19.

[12] Ebert, Nationen, S. 142.

[13] AIDA = Attention, Interest, Desire, Action.; Das Modell wurde ursprünglich von Elmo Lewis (1898) entwickelt, siehe dazu bspw. Vakratsas, Demetrios / Ambler, Tim: How Advertising Works: What Do We Really Know?, in: Journal of Marketing 63 (1999), S. 26-43.

[14] Simpson, Clare: Capitalising on Curiosity: Women’s Professional Cycle Racing in the Late-Nineteenth Century, in: Horton, Dave / Rosen, Paul / Cox, Peter (Hrsg.): Cycling and Society. Abingdon 2007, S. 47-65, hier S. 60f.

[15] Ehrenpreis, Cyclists, S. 30.

[16] Simpson, Curiosity, S. 61., Bleckmann, Anfänge, S. 50.

[17] In einer kurzen Meldung erschienen in der Draisena, Jg. 5 (1899), S. 366 ist z.B. zu lesen: „Die Zeit ist längst vorüber, wo man in jeder Radlerin eine Emanzipierte sah“. Ein anderes Beispiel ist Amalie Rother, die sich von der „Bloomerhose der amerikanischen Emancipationistinnen“ distanzierte, Rother, Amalie: Das Damenfahren, in: Salvisberg, Paul von (Hrsg.): Der Radsport in Bild und Wort. Unter Mitwirkung zahlreicher Fach- und Sports-leute. München 1897, S. 111-136., hier S. 119.

[18] [Stern], Vademecum, S. 5f.

Von |2022-03-15T15:58:51+02:0015. März 2022|Gesellschaft&Geschichte|1 Kommentar

Veronika Ebner hat Geschichte und Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München studiert. In ihrer Bachelorarbeit hat sie sich mit der Rolle der Frau in der öffentlichen Debatte über das Radfahren um 1900 beschäftigt. Dabei lag der Fokus auf den ersten weiblichen Fahrradfahrerinnen im bürgerlichen Milieu und deren Darstellungen in Fahrradzeitschriften, Karikaturen und der medizinischen Diskussion.

Ein Kommentar

  1. lars Amenda 5. April 2022 um 11:46 Uhr - Antworten

    Hallo Frau Ebner,

    toll, ganz vielen Dank für Ihren Artikel! Ich wollte Sie einmal auf unser kleines „netzwerk fahrrad/geschichte“ hinweisen. Wir wollen uns in nächster Zeit näher mit der Geschlechtergeschichte des Radfahrens und Radsport beschäftigen. Ich habe kürzlich einen Blog-Artikel über eine norddeutsche Radsportpionierin (Getrude Rodda) verfasst: https://nfg.hypotheses.org/2039

    Lassen Sie uns gerne bei Gelegenheit fernetzen, wenn Sie möchten.

    Viele Grüße aus Hamburg

    Lars Amenda

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