Jüdisch-nichtjüdische Begegnungen in „privaten“ Räumen im Wien des frühen 20. Jahrhunderts

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren Wohnungen in Wien wichtige Kontaktzonen für Jüdinnen*Juden und Nichtjüdinnen*Nichtjuden. In vermeintlich „privaten“ Räumen lebte, arbeitete und produzierte man gemeinsam. Hier spielte die Aushandlung jüdisch-nichtjüdischer Differenzen oft eine geringere Rolle als Gender und Klasse.

Das Wien der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts bot vielfältige Möglichkeiten für Jüdinnen*Juden und Nichtjüdinnen*Nichtjuden in Kontakt zu kommen. Obwohl die Historiographie es bislang anders darstellte,[1] boten insbesondere Wohnungen Räume für Zusammenleben oder Zusammenarbeit. Doch wie gestalteten sich in Wiener Wohnungen jüdische und nichtjüdische Beziehungen unter der Aushandlung von Geschlechterverhältnissen aus?

An der Bassena

Bild einer Bassena (Wasserstelle am Gang eines Wiener Altbau-Mietshauses) in Wien.
Bassena in Wien, Rudolfsheim-Fünfhaus. Foto: Veronika Helfert

Die Hauptstadt der Habsburgermonarchie hatte im ausgehenden 19. Jahrhundert eine Massenmigrationsbewegung erlebt. Mehr als drei Millionen Menschen migrierten innerhalb und außerhalb der Monarchie in die größeren Städte Zentraleuropas oder gar weiter in die Vereinigten Staaten von Amerika. Wien wuchs zu einer Metropole mit knapp zwei Millionen Einwohner*innen. Das „Wohnungselend“ stellte die Stadt, ihre Bewohner*innen und die Verwaltung vor ein enormes Problem. Es gab zu wenige kleine und leistbare Wohnungen, die die verarmte Bevölkerung hätte mieten können. Menschen mussten sich mit ihren Mitbürger*innen eine Wohnung oder oft sogar ein Bett teilen. Innerhalb sogenannter „Haushaltungen“ entfiel „[…] ein beträchtlicher Prozentsatz auf Wohnparteien, Familienmitgliedern familienfremde Personen (Dienstbot[*inn]en, Aftermieter[*innen], Bettgeher[*innen] oder Gesinde).“[2]

Als sogenannte Bettgeher*innen – also Personen, die es sich lediglich leisten konnten, ein Bett zur Nächtigung zu mieten – lebte gar 20 Prozent der Bevölkerung. Zu Begegnungen mit „familienfremden Personen“ kam es auch als Teil der täglichen Routine auf den Gängen der Wohnhäuser. Denn die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung teilte sich Toiletten mit ihren Nachbar*innen derselben Etage oder des gesamten Wohnkomplexes. Fließendes Wasser holte man von der Bassena am Gang, die dadurch Ort zum Austausch wurde. Zum anderen gehörte es zum Alltag vieler, in den Wohnräumen Handelsgüter in Heimarbeit zu produzieren. Heimarbeit war zu einer weit verbreiteten Form der Erwerbsarbeit geworden. Das „Private“ als Begegnungsraum war keinesfalls auf die verarmte Bevölkerung und Arbeiterklasse beschränkt. Das Teilen von vermeintlich privaten Räumen betraf auch die besser situierte Bevölkerung. Mittel- und Oberschicht beschäftigten Hausangestellte, die bei den Familien lebten, für die sie arbeiteten, und Zimmer in den Familienwohnungen hatten.[3]

Druck aus 1890 der Häuserfassaden in der Glockengasse um 1890 zeigt.
Glockengasse, 1890 [Ausschnitt]. Quelle: Wienbibliothek, Druckschriftensammlung, d-172820/1-2

Das Haus in der Glockengasse

Eine Vielzahl an historischen Quellen gibt Aufschluss darüber, dass jüdisch-nichtjüdische Begegnungen keinesfalls nur im öffentlichen Raum, sondern gerade in den oben geschilderten, vermeintlich „privaten“ Bereichen stattfanden. Anders, als der sich radikalisierende Antisemitismus der Zeit vermuten lässt, waren diese Räume (zunächst) jedoch weniger von der Aushandlung jüdisch-nichtjüdischer Identifikationen geprägt, als dass sie sich im Aushandeln von Geschlechterverhältnissen und Klasse konstituierten.

So berichtet etwa Vilma Neuwirth (geboren als Vilma Kühnberg in Wien 1928, gestorben ebenda 2016) in ihrer Autobiografie Glockengasse 29:

Bei uns am Gang ging es so familiär zu, dass jeder von jedem alles wusste. Im Sommer, wenn es sehr heiß war, wurde es besonders gemütlich. Die Frauen erschienen mit einem Kübel oder Schaffel und einem Sessel am Gang. Sie füllten die jeweiligen Gefäße mit Wasser und setzten sich, die Füße im kühlen Nass, vor die zu ihren Wohnungen gehörenden Fenster. Jede hatte ihr Kaffeehäferl mit Zichorienkaffee vor sich. Dort blieben sie stundenlang sitzen und tratschten und führten Schmäh.[4]

Buchcover der Erinnerungen von Vilma Neuwirth "Glockengasse 29: Eine jüdische Arbeiterfamilie in Wien" erschienen im Milena Verlag. Auf dem Cover ist eine junge Frau im Stil der 1940er Jahre abgebildet.
Buchcover von Vilma Neuwirths Erinnerungen „Glockengasse 29“, Wien: Milena Verlag 2008.

Diese Erinnerung Neuwirths referiert auf ihre Jugend in der Wiener Leopoldstadt. Der 2. Wiener Gemeindebezirk war das historische Siedlungsgebiet der jüdischen Gemeinde in der frühen Neuzeit gewesen. Zur Wende zum 20. Jahrhundert galt die Leopoldstadt als „jüdisches Viertel“ oder „Mazzesinsel“.[5] Hier wuchs Neuwirth in einer jüdisch-katholischen Familie als eines von acht Kindern in einem typischen Zimmer-Küche-Kabinett Apartment auf. Im Erdgeschoss des Wohnhauses betrieb Neuwirths Vater einen Friseursalon. Die Enge der Wohnräume trieb sie und die anderen Hausbewohner*innen häufig nach draußen in die (Lauben)Gänge, in andere Wohnungen, oder in die Straßen Wiens. So schildert sie nicht nur detailreich wie die Frauen aus der Arbeiterklasse am Gang ihre freie Zeit verbrachten während eine im Haus wohnende „stolze Kaffeehausbesitzerin“ sich nie dazugesellte. Sie beschreibt auch, wie man in anderen Wohnungen ein und aus ging und ein reges jüdisch-nichtjüdisches Miteinander zum Alltag gehörte: „Auch Herr und Frau Högenwarth, sie waren Kunden meines Vaters, wohnten auf unserem Stockwerk. […] Es gab keine versperrten Wohnungstüren, man kam und ging zu den Nachbarn, wie es einem eben gerade einfiel.“[6]

Doch wer lebte in der Glockengasse 29? Um dieser Frage nachzugehen, konsultierte ich den Lehmann’s Allgemeinen Wohnungsanzeiger – das Wiener Adressbuch der Zeit. Ausgehend von den namentlichen Nennungen im „Lehmann“ erfahre ich mehr über die in der Glockengasse 29 gemeldeten Personen. Die Schilderungen in der Autobiografie lassen sich darüber hinaus mit einer tiefergehenden Recherche in der historischen Meldekartei des Wiener Stadt- und Landesarchives ergänzen. Das Lebensmittelgeschäft neben dem Friseursalon von Neuwirths Vater führte eine Familie Bergkirchner. Im ersten Stock hatten die Vanetscheks und die Häuslers, eine nichtjüdische und eine jüdische Familie, ihre Wohnungen.[7] Neben den Kühnbergs wohnten im Stockwerk darüber das Ehepaar Högenwarth, die Familie Novotny und die Unternehmerin Kemper. Unter dem Dach hatten David Hirsch und seine Frau sowie eine nichtjüdische Familie ihre Wohnungen.

Foto einer Seite aus einem Wiener Adressbuchs aus 1926.
Adolph Lehmann’s allgemeiner Wohnungs-Anzeiger: nebst Handels- u. Gewerbe-Adressbuch für d. k.k. Reichshaupt- u. Residenzstadt, Wien 1926, 800. Quelle: Wienbibliothek

Beinahe alle volljährigen Bewohnerinnen der Glockengasse 29 waren berufstätige Frauen, die zudem noch in der sogenannten Zweiten Schicht zu Hause Sorgearbeit nachgingen. In einem Fall war das die Pflege der Großeltern, in den anderen minderjährige Kinder. Den Austausch unter den Hausbewohnerinnen – den Arbeiterinnen – erinnert Neuwirth besonders lebendig. Ließ die Hitze der Sommermonate die Frauen in ihrer Freizeit auf die Gänge fliehen, so genossen sie, wie das Zitat illustriert, dort gemeinsam ihren Kaffee. Sie teilten ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Wurde über „schlüpfrige Dinge“ gesprochen und näherten sich Kinder oder nicht Dazugehörende, winkten die Frauen mit „Schindln san am Dach“ ab.[8]

Geteilte Räume

Das Wohnhaus selbst, die Gänge und eben teilweise auch die Wohnungen waren geteilte Räume. Wie aus Vilma Neuwirths Schilderung hervorgeht, suchten insbesondere die Bewohnerinnen nicht die männIich-konnotierten und meist zu Konsum verpflichtenden Kaffeehäuser Wiens auf.[9] Die jüdischen und nichtjüdischen Bewohnerinnen der Glockengasse 29 teilten eine starke Geschlechteridentifikation als arbeitende Frauen, die den ganzen Tag arbeitend wie sorgend für ihre Familien aufkamen. Sie etablierten eine gemeinsame Praktik des Zeitvertreibs jenseits der Arbeit. Eine wie auch immer definierte jüdische Differenz war dabei in Neuwirths Erinnerung – bis zur Machtergreifung der Nationalsozialist*innen – nicht evident. Wie wohl Neuwirth darauf verweist, dass sich dies nach dem „Anschluss“ Österreichs bei einigen abrupt und radikal änderte.

Diese Erfahrung geteilter jüdisch-nichtjüdischer Räume war nicht auf die „jüdische“ Leopoldstadt begrenzt.[10] Ähnliche Schilderungen findet sich in Lebenserinnerungen von Bewohner*innen aller Wiener Bezirke und betrafen insbesondere auch Wohnverhältnisse der verarmten breiten Masse der sogenannten Bettgeher*innen und Heimarbeiter*innen. In den Wohn-, Produktions- und/oder Schlafräumen begegneten sich Jüdinnen*Juden und Nichtjüdinnen*Nichtjuden. In diesen geteilten Räumen etablierten sie gemeinsam Praktiken des Zeitvertreibes, die durch Geschlechter- und Klassenidentifikationen, und dadurch oft auch geteilte Erfahrungen sozialer Ungleichheit, konstituiert wurden.

Susanne Korbel

Anmerkungen

Die Forschung wurde vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) finanziert, Projektnummer P31036-G28. Eine Projektbeschreibung findet sich auf der Seite des Centrums für Jüdische Studien der Universität Graz: https://juedischestudien.uni-graz.at/de/jews-in-vienna/

[1] Susanne Korbel, Spaces of Gendered Jewish and Non-Jewish Encounters: Bed Lodgers, Domestic Workers, and Sex Workers in Vienna, 1900–1930, Leo Baeck Institute Yearbook, Nr. 65 (2020): 88–104, 90.

[2] K.k. statistische Zentralkommission (Hg.), Österreichische Statistik, Erweiterte Wohnraumaufnahme, Band 65, Heft 1, Wien 1905, 22.

[3] Korbel, Spaces of Gendered Jewish and Non-Jewish Encounters, 88–94.

[4] Vilma Neuwirth, Glockengasse 29: Eine jüdische Arbeiterfamilie in Wien, Wien 2008, 23. [Schaffel=Bottich; Häferl=Tasse; Schmäh=Scherze].

[5] Ruth Beckermann, Die Mazzesinsel: Juden in der Leopoldstadt 1918–1938, Wien 1992.

[6] Neuwirth, Glockengasse 29, 24.

[7] Ebenda, 20.

[8] Ebenda, 23.

[9] Charlotte Ashby, The Cafés of Vienna: Space and Sociability, in: dies., Tag Gronberg, Simon Shaw-Miller (Hg.), The Viennese Café and Fin-de-Siècle Culture, London 2013, 9-31, 17; Shachar Pinsker, A rich brew: How cafés created modern Jewish culture, New York 2018.

[10] Korbel, Spaces of Gendered Jewish and Non-Jewish Encounters, 90.

Von |2022-02-14T22:15:20+02:0014. Februar 2022|ForschungsErgebnisse|0 Kommentare

Susanne Korbel forscht und lehrt an der Universität Graz, mit Schwerpunkt Gender Studies, Migration und jüdischer Geschichte. Derzeit arbeitet sie zu neuen, nicht partikulären Narrativen zur Geschichte der Jüdinnen*Juden in Zentraleuropa um 1900 (FWF Projekt). Ihr erstes Buch ist Auf die Tour! Jüdinnen und Juden in der Singspielhalle, Kabarett und Varieté (Böhlau 2021). Sie war Fellow in Jerusalem, New York, Southampton, Tübingen und unterrichtete in Budapest und Haifa.

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