Schon wieder Sozialismus?

kumpe_coverDie nun vorliegende Übersetzung des Buches der Politologin Ellen Meiksins Wood „Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche“ ist in keiner Weise feministisch und erhebt auch keinen Anspruch darauf. Ihre marxistische Analyse berührt dennoch ein für Feministinnen wichtiges Thema. Sie nimmt dem Kapitalismus seine Unendlichkeit und insistiert auf die spezifischen und historisch abgrenzbaren Entstehungs- und Durchsetzungsbedingungen.

In ihrem Buch untersucht sie zunächst die spezifischen Bedingungen der Entstehung des Kapitalismus im frühneuzeitlichen ländlichen England und kritisiert in diesem Zusammenhang marxistische Analysen als zumeist historisch evolutionär: Jeder Tausch in der Geschichte der Menschheit trug den Kapitalismus bereits in sich, dieser musste lediglich von bürokratischen oder gesellschaftlichen Fesseln befreit werden. Darüber hinaus kritisiert sie Gleichsetzungen von urban mit kapitalistisch, bürgerlich mit kapitalistisch und aufklärerisch mit kapitalistisch.

Diesen Vorwurf richtet sie jedoch nicht nur an Marxist*innen sondern ebenso an postmoderne Theoretiker*innen. Denn die gängigen Annahmen beider Lager, dass bereits jeder Akt des Tauschens als Vorstufe zum Kapitalismus zu begreifen und dass die Moderne dem Kapitalismus äquivalent sei, könne die Spezifität der Entstehung des Kapitalismus nur unzureichend erfassen. Sie verstellten ferner den Ausblick auf eine mögliche Zukunft ohne Kapitalismus. Dies ist die zentrale These, die sie in ihrem Buch entwickelt.

In ihrer Kritik an den postmodernen Theoretiker*innen fragt sie: Warum soll das Beste an der Moderne, nämlich die Verpflichtung  zu einer universellen Emanzipation, verworfen werden? Wood zufolge liegt die radikale Abkehr von der Moderne durch postmoderne Theoretiker*innen an der irrigen Annahme, dass Bürgertum, Moderne und Kapitalismus das Gleiche seien.

Wood differenziert zwischen Formen vorkapitalistischer Ausbeutung und der Ausbeutung auf Basis marktförmiger Konkurrenz. Eine treibende Kraft in der französischen Revolution sieht sie in der Sicherung vorkapitalistischer Ausbeutungs- bzw. Aneignungsformen durch eine neue gesellschaftliche Gruppe – dem Bürgertum. An der Entstehung des Kapitalismus waren sie Woods Analyse folgend nicht beteiligt. Dies waren der englische Adel und die englische Bauernschaft.

Sie verortet, wie schon Marx, die Entstehung des Kapitalismus im aristokratisch und ländlich geprägten England. Die adeligen Landbesitzer erzeugten durch ihr System der Pachtvergabe zunehmend einen Markt als Imperativ. Um Pachtland zu erhalten und zu behalten, mussten die Pächter*innen und ihre Familien sich auf diesem Pachtmarkt in Konkurrenz zueinander setzen. Der Gradmesser guter Pächter*innen wurde ihre Produktivität – ein Prinzip, dass sich nach und nach ausbreitete, einen industriellen Kapitalismus entstehen ließ und militärisch flankiert global wurde. Am Markt teilzunehmen verschob sich von einer Möglichkeit zum Zwang. Woods Schlussfolgerung zur heute möglichen Abschaffung des Kapitalismus ist bestechend schlicht: Es bleibt uns nichts Anderes übrig als Sozialismus. Dies stellt sie fest, ohne jede weitere Erläuterung. Der ihr wichtige Punkt ist dabei, dass es keine Möglichkeit gibt, den Kapitalismus zu reformieren oder menschlicher zu machen.

In Anbetracht ökonomischer und ökologischer Krisen sind die Erörterungen Woods immer noch aktuell. Ihr marxistischer Blick lässt für eine feministische Sicht, Forschung und Revolution vieles offen. Anstatt zu sagen, Wood habe patriarchale Verhältnisse nicht in den Blick genommen, könnte eine marxistisch-feministische Forschung hier eher anknüpfen. Gerade ihre Differenzierungen zu kapitalistischer und vorkapitalistischer Ausbeutung, der Abwesenheit des Bürgertums bei der Entstehung des Kapitalismus, bietet viel Raum zur Rekapitulation auch feministischer Forschung.

Leider verstarb die US-amerikanische Politologin Ellen Meiksins Wood Anfang dieses Jahres. Die späte Übersetzung ihres Buches, mehr als zehn Jahre nach der ursprünglichen Veröffentlichung im Jahr 2002, ist bedauerlich, da ihre Kritik an aktuellen Debatten selbstverständlich dem damaligen Stand der Debatte entspricht. Ihr Buch liefert dennoch eine Reihe von Anregungen zum Verständnis des Entstehungsprozesses unseres Wirtschaftssystems. Ihre Argumentation ist schlüssig, gut strukturiert und auch für EinsteigerInnen in die Thematik geeignet. Insofern ist diese späte Übersetzung keinesfalls zu spät.

Ulrike Kumpe

Ellen Meiksins Wood: Der Ursprung des Kapitalismus – Eine Spurensuche; LAIKAtheorie Band 55; Laika-Verlag 2015; ISBN: 978-3-942281-67-6; 28,00 Euro, 232 Seiten

Von |2018-05-24T12:26:02+02:0015. Oktober 2016|BuchBesprechung|0 Kommentare

Ulrike Kumpe M.A. – Hauptverantwortliche Redakteurin bei CONTRASTE – Zeitung für Selbstorganisation: www.contraste.org). Studium der Politikwissenschaften mit den Schwerpunkten Entwicklungspolitik und Gender Studies an Universität Hannover.