Rezension „Geschlecht in der Geschichte“

Irene_RezensionDer Sammelband „Geschlecht in der Geschichte“ stellt die Frage, wo Geschlecht in der Geschichte zu verorten ist. Kann Geschlecht als Forschungskategorie nur mit anderen Kategorien gemeinsam verhandelt werden oder soll diese Kategorie für sich stehen?

In der Einleitung definieren die HerausgeberInnen Alina Bothe und Dominik Schuh ihr Verständnis einer integrierten oder separierten Forschungsperspektive: Unter separiert werden Arbeiten verstanden, die Gender als „Kernkategorie“ innerhalb eines bestimmten Kontexts analysieren, während unter integriert jene Forschungen fallen, die Gender im Zusammenwirken mit anderen Kategorien denken. Es wird jedoch explizit darauf hingewiesen, dass es sich hier nicht um intersektionelle Ansätze handle. Der Fokus der aufgeworfenen Frage liegt also in der „Position, die Geschlecht selbst innerhalb des Forschungsdesigns aufweist.“ (S. 25)

Um ihr Erkenntnisinteresse zu verdeutlichen, geben Bothe und Schuh einen Überblick über die Entwicklung der Frauen- und Geschlechtergeschichte von der ersten und zweiten Phase der Frauenbewegung bis heute. Diese Darstellung zeigt, dass die in diesem Band aufgegriffenen Fragen nicht nur theoretische Überlegungen sind, sondern konkrete Auswirkungen auf die Entstehungsgeschichte der heutigen Forschungslandschaft hatten: Einerseits musste sich Frauen- und später Geschlechtergeschichte in der androzentristischen Historiographie behaupten, um sich erfolgreich als (Sub-)Disziplin zu institutionalisieren. Dieser separierte Zugang birgt die Gefahr der Sonderrolle innerhalb der Geschichtswissenschaften sowie der möglichen Dichotomisierung und Essentialisierung der Kategorie Geschlecht.

Andererseits wird die Integration der Kategorie Gender in die allgemeine Geschichte angestrebt, diesbezüglich wird vor einer Vereinnahmung gewarnt. Die HerausgeberInnen zeichnen jene Debatte nach, die aus ihrer Sicht für die Frage nach der Kategorie Gender in der allgemeinen oder partikularen Geschichtsschreibung relevant waren: Die Beiträge von Gisela Bock, Karin Hausen und Ute Daniel. Dass sich die beiden Perspektiven nicht ausschließen, sondern ergänzen und insbesondere zwischen den vermeintlichen Polen produktiv gemacht werden können, verdeutlichen die HerausgeberInnen anhand der Forschungsarbeiten von Natalie Zemon Davis.

Der Sammelband basiert auf einem Workshop mit dem Titel „Gender in History – integrated or separated“, der im Februar 2013 in Mainz stattfand. Laut des Vorworts der HerausgeberInnen entstand die Motivation dafür auf der Tagung von fernetzt in Wien 2012, um die Debatte bezüglich der Verortung in den beiden unterschiedlichen Perspektiven zu vertiefen und zum „expliziten Dialog“ (S.27) einzuladen. Das Konzept des Buchs ist diesem Dialog und der Diskussion gewidmet, indem die Frage von den AutorInnen in ihren Beiträgen bearbeitet werden sollte und diese von einer anderen AutorIn mittels einer „Reflexion“ kommentiert wird. Die Reihung der Beiträge erfolgte chronologisch und reicht von der Gegenwart bis in die Antike.

Die AutorInnen haben ihre Beiträge selbst mehrheitlich der separierten Perspektive zugeordnet, doch es zeigt sich anhand mancher der gewählten Beispiele, wie fließend die vermeintlich klaren Grenzen sind. Fast alle Beiträge sehen Geschlecht dennoch nicht als Kernkategorie, sondern plädieren für eine notwendige Einbeziehung weiterer Kategorien, die als interdependent oder als intersektionell verknüpft verstanden werden. Daran schließt die Frage nach der Auswahl geeigneter weiterer Analysekategorien an, die je nach Projekt unterschiedlich beantwortet wird.

Kurzbeschreibungen der einzelnen Beiträge

Den Beginn macht Ellen Kobans Beitrag zum zeitgenössischen Theater als Untersuchungsort für Geschlechterdifferenz durch die (Nicht-)Wahrnehmung von Geschlecht. Sie analysiert „Gender Blending“ anhand einer deutschen Macbeth-Inszenierung, in der zentrale Rollen mit gegengeschlechtlichen SchauspielerInnen besetzt wurden. So wurden die dem Theaterstück eingeschriebenen Geschlechterrollen irritiert und problematisiert.

Den Frauen- und Männerbildern der DDR geht Uta Miersch anhand der offiziellen Kinderlieder nach. Diese Lieder idealisieren die ausgeglichene berufstätige Mutter und Familienorganisatorin, während sie dem seltener vorkommenden Vater primär durch seine berufliche Tätigkeit beschreiben. Der staatliche Anspruch einer zu vermittelnden Gleichberechtigung der Geschlechter wurde in der Praxis von fehlenden Kinderbetreuungseinrichtungen und bestehenden Familienbildern konterkariert.

Mit dem Frauenbild im Nationalsozialismus setzt sich Marion Wittfeld auseinander und untersucht dieses am Beispiel der damals populären und „vermeintlich unpolitischen“ Frauenzeitschrift „Mode und Heim“, ein weiterer Schwerpunkt liegt in der ideologischen Prägung der Zeitschrift und der Frage, inwieweit geschlechtsspezifische NS-Presseanweisungen übernommen wurden. Der Beitrag analysiert, wie dem Lesepublikum je nach politisch-historischer Notwendigkeit Rollen von Mutter und Hausfrau bis zum freiwilligen Kriegseinsatz näher gebracht wurden, und dass die zielgruppenorientierte subtile Propaganda folglich herrschaftsstabilisierend wirkte.

Christine Bovermann forscht zu Geschlechteridentitäten in der zionistischen Frauenbewegung des Kaiserreichs und untersucht dazu Debatten zur Gründung eines globalen Dachverbands zionistischer Frauenvereine im Jahr 1911. Sie zeigt auf, dass die Zionistinnen in ihren Argumentationen auf etablierte Konzepte von Weiblichkeit zurückgriffen, aber dass ihr politisches Handeln innerhalb der Bewegung nicht als gleichwertig jenem der Männer anerkannt wurde.

In der gleichen Periode, dem deutschen Kaiserreich, untersucht Norman Domeier die Frage nach Möglichkeiten der „Erweiterung des binären Geschlechtermodells und die Radikalisierung der Politik“ durch den „Eulenburg-Skandal“. Die in dieser öffentlichen Debatte um die (vermeintliche) Homosexualität der deutschen politischen Eliten verdichteten Diskurse um Männlichkeit und Nation werden vom Autor in die „politische Kulturgeschichte der Sexualität“ eingeschrieben (S. 113).

Dem „Geschlecht als interdependente Analysekategorie“ im Suiziddiskurs Österreichs von 1870 bis 1930 widmet sich der Beitrag von Michaela Maria Hintermayr. Untersucht werden geschlechtsspezifische zeitgenössische Erklärungsmuster für die wachsenden Suizidzahlen. Die Analyse zeigt unter Einbeziehung weiterer Differenzkategorien einerseits die vielfältigen Bedeutungszuschreibungen an den suizidalen Körper und andererseits das Potential interdependenter Zugänge.

Diese Verwobenheit der Kategorie Gender mit anderen Kategorien wird auch im Beitrag von Jaqueline Malchow betont, die sich mit der zugeschriebenen „Käuflichkeit“ von Schauspielerinnen im 18. Jahrhundert beschäftigt. So kann sie beispielsweise im Falle einer Schauspielerin, welche einen Bürgersohn in seinen Heiratsabsichten zurückwies, zeigen, dass Schauspielerinnen als eine soziale Randgruppe eine Entscheidungsfreiheit für eine Liebesheirat gesellschaftlich nicht zugestanden wurde.

Wie unterschiedlich Geschlechterrollen interpretiert werden konnten, zeigt der Artikel von Svenja Müller über die Konstruktion der Figur der Kindsmörderin. Die mikrohistorische Abhandlung eines sechsjährigen Prozesses wegen Kindesmordes ab 1760 zeigt, wie die Genderrolle der Angeklagten strategisch eingesetzt wurde. Die Anklage zeichnete das Bild einer vorsätzlich handelnden und starken Frau, während die Verteidigung sie als junge, abhängige und schwache Frau beschrieb. Die Autorin spricht sich als einzige explizit für eine integrierte Perspektive aus, da es nur diese ermöglichen würde, Veränderungen oder Umdeutungen der Geschlechterdifferenz sowie allen anderen wirksamen Variablen zu berücksichtigen und in ihren Relationen zu analysieren.

Eugenio Riversi widmet sich einer der wichtigsten Fürstinnen im Hochmittelalter, Mathilde von Tuszien, die als Alleinerbin Mittel- und Norditaliens und päpstliche Vertraute eine besondere Position innehatte. Aufgrund der guten Quellenlage können ihre vielfältigen sozialen Identitäten sowie unterschiedlichen Zuschreibungen an ihre Geschlechterrolle untersucht werden.

Die Frage nach Möglichkeiten geschlechterspezifischer Interpretationen mittelalterlicher Schriften stellt Birgit Kynast in ihrem Beitrag. Anhand des kirchenrechtlichen Dekrets des Bischofs Burchard von Worms im 11. Jahrhundert zeigt sie, dass es für Frauen und Männer unterschiedliche Anleitungen für die Buße von Vergehen vor allem im Bereich der Sexualität gibt.

Im letzten Beitrag des Sammelbandes zeichnet Alexandra Eckert die Entwicklung der Genderforschung in den deutschsprachigen Altertumswissenschaften nach und bezieht sich dabei konkret und umfassend auf die Fragestellung nach einer integrierten bzw. separierten Perspektive. Die Autorin bezieht deutlich Stellung für eine eigenständige Frauengeschichte und schlägt vor, von vernetzten statt von integrierten Zugängen zu sprechen.

Fazit

Den einzelnen Beiträgen wurde in der Rezension bewusst viel Platz eingeräumt, denn die Vielfalt der Zugänge verweist nicht nur im besonderen Maße auf Interdisziplinarität, sondern auch auf völlig unterschiedliche Auseinandersetzungen mit der Kategorie Geschlecht. In Hinblick auf die Frage, wie Geschlecht in der Geschichte konzeptualisiert werden kann, sucht der Band Antworten darauf, (…) als „Frage, die stets aufs Neue zu stellen, zu diskutieren und zu beantworten ist“ (S. 10f). In diesem Sammelband dominieren Arbeiten über Frauen(gruppen), deren Selbst- bzw. mehrheitlich Fremdwahrnehmung als Frauen und als historische Subjekte, dennoch gab es auch Beiträge zur allgemeinen Geschlechter- und Männlichkeitsgeschichte, die sich ebenfalls nur selten von dem bipolaren Geschlechtermodell lösten.

Die meisten Autorinnen wenden einen multiperspektivischen Ansatz an und stellen der Kategorie Gender noch weitere zur Seite. Damit werden viele Fragen aufgeworfen, welche in Debatten rund um Intersektionalität schon gestellt wurden. Die Trias der Strukturkategorien Race, Class und Gender ist für jede fundierte Analyse eines Forschungsgegenstandes ist bedeutsam, denn Fragen nach den Geschlechterordnungen implizieren auch Hierarchisierungen durch z.B. nationale und ethnische Zugehörigkeiten, nach dem sozialen Status, und den damit verknüpften Machtverhältnissen generell. In mehreren Beispielen konnte gezeigt werden, wie die Kategorie Geschlecht, aber auch weitere mögliche Kategorien einem historischen Wandel unterliegen.

Letztlich stellt Geschlecht eine Perspektive auf Geschichte dar und diese ist, wie schon mehrfach festgestellt, auch eine Frage des „politischen Standorts“ der Forschenden. Die Frage, ob Geschlecht nun als separiert oder integriert behandelt wird, ist daher weniger vorrangig und prägend als jene, ob die Arbeit aus einer kritischen und feministischen Perspektive verfasst wurde.

Wie die HerausgeberInnen schon am Beginn des Buchs feststellten, kann es sich bei den Perspektiven separiert oder integriert nicht um ein hierarchisches Verhältnis handeln, da die Wahl vom historischen Kontext und den Zielen der Untersuchung abhängen wird. Die Beiträge werden als Fallbeispiele und als Möglichkeit einer „Meta-Reflexion über die verwendeten Kategorien integriert und separiert“ (S. 28) gesehen. Diese angestrebte Tiefe wurde dem selbst erklärten Anspruch, Geschlecht und Geschichte in ihrer Verwobenheit zu behandeln, nicht in allen Teilen gerecht. Die Kommentare hätten hier eine wichtige Ergänzung sein können, sie fassen jedoch mehrheitlich die Inhalte zusammen und zeigen weitere Forschungslücken auf. Der Band hätte davon profitiert, wenn die Beiträge im Rahmen der jeweiligen Forschungsprojekte klarer kontextualisiert würden und die auf der Konferenz aufgeworfenen Fragen und Kommentare transparenter eingeflossen wären.

Das vorliegende Werk ist der vorangegangener Kritik zum Trotz ein spannend zu lesender Sammelband, durch welchen der aktuelle Stand der jungen historischen Frauen- und Geschlechterforschung im deutschsprachigen Raum dokumentiert und ein wissenschaftstheoretisch inspirierter Zugang zu einer gender-reflektierenden Geschichtswissenschaft eröffnet werden.

Irene Messinger

Von |2019-01-14T16:27:21+02:001. Dezember 2015|BuchBesprechung|0 Kommentare

Irene Messinger, Sozialwissenschaftlerin, politikwissenschaftliche Dissertation zur Kriminalisierung von Aufenthaltsehen, Leitung des Forschungsprojekts „Scheinehen in der NS-Zeit“, dessen Ergebnisse u.a. 2018 in einer Ausstellung im Jüdischen Museum Wien gezeigt wurden. Forschung und Lehre an der FH Campus Wien, Departement Soziale Arbeit, und an der Universität Wien.