Erinnern an die Antifaschistische Frauenfront

Um die Erinnerung an die Antifaschistische Frauenfront im Zweiten Weltkrieg aufrecht zu erhalten, hat der Verein Crvena aus Sarajevo eine online-Dokumentationsstelle eingerichtet. Aspekte dieser feministischen Erinnerungsarbeit und ihr gesellschaftskritisches Potenzial stehen hier im Fokus.

Verein Crvena, Ausschuss zur Erhaltung der Errungenschaften der AFŽ in Bosnien und Herzegowina.

Feministische Erinnerungsarbeit, alternative Erinnerungskultur

Seit seiner Gründung am 8. März 2010 setzt sich der Kultur- und Kunstverein Crvena (Die Rote) aus Sarajevo das Ziel, progressive Veränderungen in der bosnisch-herzegowinischen Gesellschaft zu bewirken. Im Rahmen des Projekts „Was hat uns unser Kampf gegeben?“[1] sammeln die Aktivist_innen historische Quellen sowie wissenschaftliche, journalistische und künstlerische Arbeiten zur Antifaschistischen Frauenfront (AFŽ)[2] online im Archiv des antifaschistischen Kampfes der Frauen Bosnien-Herzegowinas und Jugoslawiens.[3]

Die Wissenschaftler_innen des Gießener Sonderforschungsbereichs „Erinnerungskulturen“ sprechen von verschiedenen Typen von Erinnerungsarbeit, die von wissenschaftlich-diskursiven zu imaginativ-fiktiven reichen, und heben damit die Pluralität kultureller Erinnerung hervor.[4] Gerade für den postjugoslawischen Raum macht die Geschlechterforscherin Chiara Bonfiglioli einen Trend hin zur Erinnerungspluralisierung aus: Dort werden antifaschistische Werte durch Archivierungsarbeit/en sowie künstlerische und aktivistische Intiativen reaffirmiert.

Die Tätigkeiten von Crvena fügen sich demnach in ein feinmaschiges Netz linker, feministischer und queerer Aktivitäten, die zur Etablierung einer alternativen Erinnerungskultur beitragen. Diese positioniert sich kritisch gegenüber den herrschenden ethnonationalistischen Ideologien und ihrer geschichtsrevisionistischen Erinnerungshoheit seit den 1990er Jahren. Bonfiglioli spricht in diesem Zusammenhang von „counter-memories“.[5]

Geschichte der Antifaschistischen Frauenfront

Auf Anregung der Kommunistischen Partei Jugoslawiens[6] wurde 1942 aus bereits bestehenden Frauengruppen die Antifaschistische Frauenfront (AFŽ) in Bosanski Petrovac gegründet. Sie war im Zweiten Weltkrieg im Volksbefreiungskampf gegen die faschistische und nationalsozialistische Besetzung Jugoslawiens durch die Achsenmächte und ihre lokalen Verbündeten aktiv.

Jugendgruppe in den Reihen der Volksbefreiungsarmee auf der Dinara im Juli 1943. Quelle: Wikipedia

Insgesamt umfasste die Antifaschistische Frauenfront circa 100.000 bewaffnete Soldatinnen sowie zwei Millionen Unterstützerinnen im Hinterland, die sich der (Frauen-)Mobilisierung, Krankenpflege, Infrastruktur sowie Botendiensten widmeten.[7] Zu den nachhaltigsten Aufgaben zählten Alphabetisierung und Gesundheitsversorgung in entlegenen Gegenden. Auf diese Weise förderte die Antifaschistische Frauenfront – neben der bereits vorangeschrittenen urbanen – auch die Frauenemanzipation am Land.[8]

Der Sozialhistorikerin Vera Gudac Dodić zufolge bildete die Antifaschistische Frauenfront die größte Frauenbewegung im ex-jugoslawischen Raum. Gerade in der frühen Phase des sozialistischen Ausbaus Jugoslawiens nach dem Zweiten Weltkrieg leistete sie einen erheblichen Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter. Sie integrierte Frauen in die Bereiche Bildung, Wirtschaft und Politik. Nach vier AFŽ-Kongressen kam es 1953 in Beograd aber zur Auflösung der Vereinigung.

Die Tageszeitung Politika veröffentlichte am 30. September 1953 eine „Resolution über die Bildung des Bundes der Frauengesellschaften Jugoslawiens“.[9] Dieser sollte mehrere, kleinere jugoslawische Frauenvereinigungen versammeln. In der Resolution wurde hervorgehoben, dass das Bestehen einer einzigen, gesonderten Frauenorganisation wie der durchaus gewichtigen Antifaschistischen Frauenfront „die Frauen zu sehr aus dem gemeinsamen Bemühen um die Lösung gesellschaftlicher Probleme nahm“.[10] Demnach wurde die Frauenfrage dem Klassenkampf untergeordnet und sollte in Jugoslawien erst 1978 im Rahmen der Konferenz „Genossin Frau. Die Frauenfrage – ein neuer Zugang?“ wieder gestellt werden.[11]

AFŽ-inspirierte Frauenbilder in der zeitgenössischen Kunst

Im Rahmen der Tätigkeiten von Crvena entstand 2018 der wissenschaftlich-künstlerische Sammelband The Lost Revolution – Women’s Antifascist Front Between Myth and Forgetting; sowohl in der Landessprache als auch in englischer Übersetzung. Als künstlerische, imaginativ-fiktive Erinnerungsarbeiten zur AFŽ sollen die darin veröffentlichten Beiträge von Aleksandra Nina Knežević und Sunita Fišić in weiterer Folge vorgestellt werden. Beide Künstlerinnen zeichnen – inspiriert von den Tätigkeiten der AFŽ – das Bild aktiver Frauen, die sich in Politik und Praxis engagieren und ihre gesellschaftliche Rolle selbst definieren.

Die Künstlerin Aleksandra Nina Knežević wurde 1973 in Sarajevo geboren und studierte im montenegrinischen Cetinje Graphic Design. Ihre digitale Illustration stellt eine protestierende Frauengruppe dar, deren Mitglieder sich in Alter und Aussehen unterscheiden.

Knežević, Aleksandra Nina (2018): Digitale Illustration, in: Dugandžić, Okić 2018: 82. Siehe: http://afzarhiv.org/items/show/708 [13.06.2019]

„Working women, let us conquer knowledge and learning. Let us become masters of our trades. Let us become shock workers, innovators and rationalisers. Let us develop socialist labour competition.“

„Red salute to women shock workers whose efforts help speed up the realisation of the plan – building socialism in our country!“

„Long live 8th March, international day of solidarity of women in the struggle against warmongers!“[12]

Trotz ihrer Verschiedenheiten bilden die protestierenden Frauen aber eine Einheit, stehen sie doch gemeinsam für die Teilhabe von Frauen in der Gesellschaft, insbesondere in den Bereichen Bildung und Wirtschaft, ein. Ihre kämpferischen Forderungen sind auf Stoffbahnen abgedruckt, die direkt aus Nähmaschinen rollen und auf diese Weise weibliche Erwerbstätigkeit illustrieren. Durch ihren dynamischen Charakter wirkt die Illustration wie ein Flugblatt, das auch auf einer Demonstration Verwendung finden könnte.

Fišić, Sunita (2018): Tuschezeichnung, in: Dugandžić, Okić 2018: 154. Siehe: http://afzarhiv.org/items/show/708 [13.06.2019]

Die 1989 im herzegowinischen Livno geborene Künstlerin Sunita Fišić beschäftigt sich mit Illustration, Malerei und Street Art. Ihre Tuschezeichnung verdeutlicht gewissermaßen die in Kneževićʼ Arbeit formulierten Forderungen.

Sie zeigt dieselbe Frau vervielfacht in mehreren Posen auf einer Baustelle – mit vollem Schubkarren im Vordergrund, mit Eimer und Spaten im Hintergrund. Durch ihre Vervielfältigung entsteht der Eindruck, es handle sich um eine Armee an Frauen. Die hochgekrempelten Ärmel und der bestimmte Blick zeugen von Arbeitseifer und Zielstrebigkeit. Sie werden nicht nur in der öffentlichen Sphäre der Erwerbsarbeit dargestellt, sondern gerade in einem männlich dominierten Bereich – der Baubranche. Wie auch Knežević knüpft Fišić an die Tätigkeiten der Antifaschistischen Frauenfront an, die durch freiwillige Arbeitsaktionen maßgeblich am Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Jugoslawien beteiligt war.[13]

Zur aktuellen Bedeutung der Antifaschistischen Frauenfront

Die Rückbesinnung auf das Erbe der Antifaschistischen Frauenfront sowie die Werte der Frauenemanzipation und Geschlechtergleichstellung bieten in der bosnisch-herzegowinischen Nachkriegsgesellschaft eine Alternative zu den herrschenden postsozialistischen Erinnerungskulturen sowie zu den Repatriarchalisierungsprozessen seit den jugoslawischen Kriegen der 1990er Jahre.[14]

Auch im gesamteuropäischen Kontext kann eine solche antifaschistische und feministische Orientierung ein Gegengewicht zum aktuellen politischen und gesellschaftlichen Rechtsruck bieten – mit den scharf formulierten Worten der Crvena-Aktivistinnen Andreja Dugandžić und Tijana Okić: „Reappropriation of this heritage is an important step in arming a new liberation movement in the struggle against patriarchal, fascist and capitalist tyranny.“[15]

Das Archiv des antifaschistischen Kampfes der Frauen Bosnien-Herzegowinas und Jugoslawiens findet ihr hier: http://afzarhiv.org

Dijana Simić

Zum Weiterlesen:

Jelena Batinić, Women and Yugoslav Partisans. A History of World War II Resistance, New York 2015.
Marijana Gršak, Ulrike Reimann, Kathrin Franke (Hg.), Frauen und Frauen-organisationen im Widerstand in Kroatien, Bosnien und Serbien, Lich, Hessen 2007.
Barbara Jancar-Webster, Women and Revolution in Yugoslavia 1941–1945, Denver 1990.
Barbara Wiesinger, Partisaninnen. Widerstand in Jugoslawien 1941-1945, Wien, u.a. 2008.

Anmerkungen

[1] Im Original: „Šta je nama naša borba dala?“

[2] Im Original: „Antifašistički front žena“.

[3] Im Original: „Arhiv antifašističke borbe žena Bosne i Hercegovine i Jugoslavije“.

[4] Vgl. Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart, Weimar 2011, 36–39.

[5] Vgl. Chiara Bonfiglioli, Partizanke. Their dangerous legacy in the post-Yugoslav space, in: Dangerous Women Project 2016. Online: http://dangerouswomenproject.org/2016/04/01/partizanke-dangerous-legacy/. Zuletzt abgerufen am 06.12.2018. Als weitere Beispiele nennt Bonfiglioli das Netzwerk der Antifaschistinnen Zagreb („Mreža antifašistkinja Zagreb“), eine Ausstellung zur Antifaschistischen Frauenfront in Banja Luka („Uspostavljanje izgubljene veze: AFŽ u Bosanskoj Krajini“, 2016) sowie mehrere antifaschistische, feministische und queere Chöre (z.B. Le Zbor in Kroatien, Horkestar in Serbien, Kombinat in Slowenien).

[6] Im Original: „Komunistička partija Jugoslavije“, ab 1952 „Savez komunista Jugoslavije“ (Bund der Kommunisten Jugoslawiens).

[7] Bonfiglioli führt folgende Zahlen an: „Approximately 25,000 women died in battle, 40,000 were wounded, and 2,000 of them acquired the officer’s rank, while 92 women were designated as national heroes.“ Bonfiglioli, Partizanke.

[8] Vgl. Jelena Tešija, The End of AFŽ – The End of Meaningful Women’s Activism? Rethinking the History of Women’s Organizations in Croatia, 1953–1961, Diplomarbeit, Central European University Budapest 2014, 28–42; Barbara Jancar-Webster, Women in the Yugoslav National Liberation Movement, in: Sabrina P. Ramet (Hg.), Gender Politics in the Western Balkans. Women and Society in the Yugoslav Successor States, University Park, Pennsylvania 1999, 67–88.

[9] Im Original: „Rezolucija o stvaranju Saveza ženskih društava Jugoslavije“.

[10] Zit. nach Vera Gudac Dodić, Frauen im Sozialismus: Von der Antifaschistischen Frauenfront Jugoslawiens zu feministischen Organisationen, in: Angela Richter, Tijana Matijević und Eva Kowollik (Hg.), Schwimmen gegen den Strom? Diskurse weiblicher Autorschaft im postjugoslawischen Kontext, Berlin 2018 (= Slavica Varia Halensia; 13), 27–52, 33. Zur Auflösung der Antifaschistischen Frauenfront vgl. Gudac Dodić, Frauen im Sozialismus, 33–38.

[11] Im Original: „Drug-ca Žena. Žensko pitanje – novi pristup?“

[12] Eigenübersetzung aus dem Sammelband: Dugandžić u. Okić, The Lost Revolution, 82.

[13] Gudac Dodić, Frauen im Sozialimus, 31.

[14] Man denke hier etwa an die kontroverse Rehabilitierung des nationalistischen Četnik-Führers Draža Mihailović 2015 in Serbien, der nach dem Zweiten Weltkrieg von einem jugoslawischen Gericht als Nazi-Kollaborateur und Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt wurde.

[15] Dugandžić u. Okić, The Lost Revolution, 6.

Von |2019-10-19T19:30:19+02:0015. Oktober 2019|Gesellschaft&Geschichte|0 Kommentare

Dijana Simić ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Graz. Ihre Schwerpunkte in Lehre und Forschung bilden Migrations-, Geschlechter- und Gedächtnisforschung im ex-jugoslawischen Kontext. 2015 veröffentlichte sie die Monographie "Poetik des Nirgendwo – Ansätze interkultureller Migrationsliteratur". Als Marietta-Blau-Stipendiatin arbeitete sie 2017 an der CEU Budapest sowie an den Universitäten Banja Luka, Sarajevo und Tuzla an ihrer Dissertation "Intimitätsnarrative als literarische Gegenöffentlichkeiten".

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