Time and Motion Studies: Die Vermessung von Arbeit

Film-Standbild aus den "Time and Motion Studies" der Gilbreths

Aus dem Filmmaterial der Time and Motion Studies von Lillian und Frank Gilbreth, Quelle: Prelinger Archives

Können menschliche Bewegungen rationalisiert und standardisiert werden? Lillian und Frank Gilbreth waren davon überzeugt. Sie machten es sich seit Ende des 19. Jahrhunderts zur Aufgabe, die Bewegungen von Menschen bei der Arbeit auf Film aufzuzeichnen. Im folgenden Problemaufriss wird ein kurzer Einblick in die sogenannten Time and Motion Studies des Ehepaars Gilbreth gegeben.

Lillian und Frank Gilbreth begannen im späten 19. Jahrhundert in den USA menschliche Arbeit und die dafür nötigen Bewegungsabläufe durch das Medium Film wissenschaftlich zu erschließen. Mit dem Ziel, Arbeitsabläufe zu dokumentieren und vergleichbar zu machen, waren die Gilbreths nicht alleine. In der gesamten industrialisierten Welt wurden Konzepte zur Rationalisierung von Arbeit entwickelt. In den USA setzte sich vor allem Frederik Winslow Taylors „Wissenschaftliche Betriebsführung“,[1] die ausführende und planende Arbeit voneinander trennen sollte, durch. Das Konzept erfuhr auch in Europa durch mehrere internationale Kongresse zu Betriebsführung – der erste 1924 in Prag – Verbreitung. Die Einführung des Fließbands in die Massenproduktion stellte neben der wissenschaftlichen Betriebsführung einen weiteren Schritt zur Rationalisierung von Arbeit in der Fabrik dar. Der Einsatz der „Assembly Line“ bei der Produktion des Ford T ab 1913 in der Ford Motor Company wurde zum Vorbild für mechanisierte Produktion.

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Simultaneous Motion Cycle Chart, aus: Gilbreth, Motion Study for the Handicapped, 31.

Bei den Time and Motion Studies wurden arbeitende Menschen vor einem Hintergrund mit Raster platziert und, während eine Uhr im Bild abläuft, gefilmt. Diese Filme wurden Frame für Frame und Körperteil für Körperteil analysiert. Auf der sogenannten Simultaenous Motion Cycle Chart (siehe Bild) wurden auf einer Achse die Körperteile (rechter Arm, linker Arm, rechtes Bein, linkes Bein, Rumpf, Kopf, Augen), auf der anderen die abgelaufenen Sekunden eingetragen. Dadurch wurden die gefilmten Körper normiert und unterschiedliche Arbeitsabläufe vergleichbar gemacht. Die arbeitenden Körperteile wurden als „working members of the body“ bezeichnet, wodurch bereits der vermeintlich rationale Blick der Wissenschaftler_innen von außen auf die Arbeiter_innen sichtbar wird. Die Körperteile wurden von ihren Besitzer_innen entkoppelt und zu Objekten der kapitalistischen Produktionsmaschinerie gemacht.

Als Ziel der Time and Motion Studies gelte laut Frank und Lillian Gilbreth „to eliminate waste“, also unnötigen Kraft- und Zeitaufwand zu eliminieren, bis „the one best way“ gefunden wird.[2] Diese beste Methode, die jeweiligen Arbeitsschritte zu verrichten, sollte dann archiviert, Unternehmen zur Verfügung gestellt und den Arbeiter_innen beigebracht werden.

 

Während des Ersten Weltkriegs begannen Lillian und Frank Gilbreth die Time and Motion Studies auch an Menschen mit Behinderungen, vor allem an Kriegsversehrten, anzuwenden, um diese wieder in kapitalistische Arbeitsprozesse einzugliedern.[3] Untersuchungen dieser Quellen (Aufsatzsammlungen, Filmmaterial, Bilder) erscheinen mir einerseits aus arbeits- und körpergeschichtlicher Perspektive interessant, andererseits können diese auch einen Beitrag zu den Gender-Studies und Dis/Ability-Studies liefern.

Seit der Industrialisierung wird Ability in modernen und postmodernen Staaten rechtlich und gesellschaftlich oft mit Work-Ability gleichgesetzt. „Unversehrte“, „arbeitstaugliche“ Körper werden in der modernen Bild- und Schriftsprache hervorgehoben und zur Norm.[4] Als disabled gelten alle jene, die nicht oder nur bedingt an der modernen industriellen Produktion teilnehmen können. Da der ideale, moderne Arbeiter weiß und männlich ist, werden auch Geschlecht und Hautfarbe zu Disabilities. Anhand einer Analyse des Materials können Aussagen über Körper- und Geschlechternormen sowie die Konstruktion der Grenze zwischen Normalität und deren Abweichung getroffen werden. Die Historisierung der Klassifizierungen von Körpern im Zusammenhang mit Produktivität und Arbeit ist auch für die Suche nach Alternativen zu heutigen neoliberalen Arbeitskonzepten relevant.

Der Zugang zu Erwerbsarbeit und sozialen Leistungen ist in vielen – vermutlich allen – Staaten der Welt an körperliche Normen gebunden. In Österreich erinnert zum Beispiel die Entscheidungsmacht von Expert_innen bei der Feststellung von Pflegestufen oder des Anspruchs auf Freistellung von der Erwerbsarbeit an den paternalistischen Umgang der Gilbreths mit Körpern. Seit Beginn der Industrialisierung wurden häufig die Normierung von Körpern und die dadurch entstehenden Ausschlüsse über die individuellen Bedürfnisse der Menschen gestellt. Während das Ehepaar Gilbreth die Instrumentalisierung von Körpern mit dem Wohl der Allgemeinheit rechtfertigte, stehen bei neoliberalen Ideologien Ideen von Selbstverwirklichung im Vordergrund.

Theresa Adamski

Anmerkungen

Quelle Filmmaterial: Prelinger Archives, https://archive.org/details/prelinger?and[]=gilbreth

[1] Taylor, Frederick Winslow: The principles of scientific management. New York u. a. 1911.

[2] Gilbreth, Frank Bunker: Motion study. A method for increasing the efficiency of the workman. New York 1911.

[3] Gilbreth, Frank Bunker; Gilbreth, Lillian Moller: Motion Study for the Handicapped. London 1920. Vgl. dazu auch den Blogbeitrag von Thomas Rohringer zum Umgang mit verletzten und erkrankten Soldaten der k.u.k. Armee und der Wiederherstellung von „Männlichkeit“.

[4] McRuer, Robert: Compulsory Able-Bodiedness and Queer/Disabled Existence. In: Davis, Lennard u. a. (Hg.): The Disability Studies Reader. London 2006, 301–308.

Von |2018-05-24T12:26:16+02:001. Juli 2016|QuellenArbeit|2 Kommentare

Theresa Adamski ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Wien und arbeitet derzeit an ihrer Dissertation zu Wirtschaft, Arbeit und Geschlecht in revolutionär-syndikalistischen Arbeiter_innenbewegungen der Zwischenkriegszeit. Sie hat Studien in Geschichte und Architektur abgeschlossen und studiert Gender Studies mit den Schwerpunkten Dis/Ability Studies und Science and Technology Studies. Theresa Adamski ist außerdem Schlagzeugerin, Gitarristin und Sängerin und hält feministische Band-Workshops.

2 Kommentare

  1. Arbeit vor Ort – fernetzt 18. April 2017 um 17:45 Uhr

    […] verschiedenen Arbeitsabläufe und Beschäftigungsverhältnisse mitgedacht werden.[5] Konzepte von Zeit, Arbeit und Betriebsamkeit spielen hier also ebenfalls eine […]

  2. […] Time and Motion Studies: Die Vermessung von Arbeit; von Theresa Adamski (Link) […]

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