Frauen schreiben für den Vegetarismus

Welche Rolle spielten Frauen innerhalb der vegetarischen Bewegung im 19. Jahrhundert? Ein Blick auf die Autorinnen des „Vereinsblatts für Freunde der natürlichen Lebensweise (Vegetarianer)“ und dessen Nachfolgerin, der Zeitschrift „Vegetarische Warte“.

Vegetarismus im 19. Jahrhundert

Ab den späten 1860er Jahren entwickelte sich im deutschsprachigen Raum eine pluralistische und aktive vegetarische Bewegung.[1] Die Gründe für den Umstieg auf eine vegetarische Ernährungsweise waren vielfältig: Gesundheitliche Bedenken überzeugten viele von der „naturgemäßen Lebensweise“, zu der neben dem Verzicht auf Fleisch auch die Abstinenz von Alkohol sowie Bewegung an der frischen Luft und Hygienemaßnahmen wie regelmäßiges Baden oder Duschen zählten, das im 19. Jahrhundert nicht zur alltäglichen Körperpflege gehörte.

Eine Rolle spielten ebenso tierethische Überlegungen: Vegetarier/innen vertraten die Überzeugung, Menschen hätten kein Recht, Tiere für ihren Konsum zu töten. Die Argumentation für den Umstieg auf eine fleischlose Ernährung umfasste des Weiteren ökonomische Berechnungen: So wurde der Ressourcenverbrauch für Tierfutter als Verschwendung angesehen und Vegetarismus als Antwort auf die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hohen Fleischpreise beworben.

Die Vegetarier/innen entstammten zum Großteil dem Bürgertum. Diese gesellschaftliche Schicht konnte sich im Gegensatz zu Arbeiter/innen nicht nur regelmäßig Fleisch leisten, sondern oft waren mehrere üppige Mahlzeiten täglich mit Fleisch und Alkoholbegleitung an der Tagesordnung. Manche Vegetarier/innen sahen in ihrer Ernährungsumstellung nicht nur eine gesunde Alternative, sondern eine Form des Protests gegen diesen Lebensstil.

Vegetarierinnen

Frauen hatten in der vegetarischen Bewegung des 19. Jahrhunderts in Deutschland und Österreich einen relativ geringen Anteil.[2] Anders als beispielsweise in England, wo die vegetarische Bewegung eng mit der Frauenbewegung verbunden war und mit der Ärztin und Autorin Anna Kingsford eine prominente weibliche Führungspersönlichkeit hatte.[3]

Die Gründe für diese geringe Präsenz lagen meines Erachtens an dem gesundheitlichen Schwerpunkt der Bewegung in Deutschland und Österreich.[4] Tierethische Argumente spielten demgegenüber eine untergeordnete Rolle. Die Beschäftigung mit dem eigenen Körper und die öffentliche Thematisierung von Gesundheit und Krankheit hätte für Frauen einen weitaus größeren Tabubruch bedeutet als für Männer. Sogar innerhalb der Frauenbewegung sollte es dauern, bis Körperpolitik es auf die Agenda schaffte.[5]

Auch der Bruch mit sozialen Konventionen, den die Verweigerung der gewohnten Mahlzeiten sowohl auf der gesellschaftlichen als auch der familiären Ebene bedeutete, war für Frauen schwieriger und folgenreicher als für Männer.

Aktivistinnen

Personelle oder ideelle Verbindungen zur Frauenbewegung waren selten. Stattdessen bestimmten Geschlechterrollen zum Teil auch den Aktivismus von Frauen innerhalb der vegetarischen Bewegung: Überproportional stark vertreten waren Angehörige (Ehepartnerinnen oder Töchter) von Vereinsfunktionären oder Publizisten, die wohl als „Türöffner“ fungierten.

So war eine der wenigen weiblichen Vortragenden des Wiener Vegetariervereins um 1900 Fanny Kubiczek, die Tochter von Franz Kubiczek, einem der Begründer der vegetarischen Bewegung in Wien. Therese Buerdorff, eine Autorin des Vereinsblatts, begann dort zu schreiben, nachdem ihr Mann Benno bereits einige Artikel veröffentlicht hatte.

Der Anteil an Frauen unter den Mitwirkenden bei geselligen Veranstaltungen wie Konzertabenden war um einiges höher als jener unter Vortragenden oder Verfasser/innen von Flugblättern und Broschüren, wie die Auswertungen der Veranstaltungen des Wiener Vegetariervereins und Veranstaltungsberichte im Vereinsblatt zeigen.

Kochbuch von Bertha Wachsmann
Rezepte von Bertha Wachsmann konnten ihre Zeitgenossinnen auch in Buchform nachlesen. Quelle: https://www.pinterest.at/chnueppelwiibli/

Vegetarische Kochbücher des ausgehenden 19. Jahrhunderts vermitteln einen prägnanten Eindruck der Geschlechterverhältnisse unter den (organisierten) Vegetarier/innen: In vielen Fällen fungierten Männer als Herausgeber und schrieben Beiträge zur Begründung der fleischlosen Kost; die Rezepte stammten von Frauen, die nicht immer namentlich genannt wurden.

Sieht man bei vegetarischen Restaurants und Reformhäusern näher hin, macht man ähnliche Entdeckungen: Nach außen hin durch den Wirt repräsentiert, war es tatsächlich ein Ehepaar, das fleischlose Mahlzeiten oder Reformwaren an den Mann und an die Frau brachte. Auch hier stammen meine Erkenntnisse aus der vegetarischen Szene Wiens um 1900, eine Vertiefung der Forschung steht noch aus.

Daneben gab es durchaus Frauen, die beispielsweise als Rednerin öffentlich für den Vegetarismus eintraten, wie beispielsweise Anna Lesser-Kiessling, die 1886 in Wien die Eröffnungsansprache des Vegetarierkongresses hielt.[6]

Das Vereinsblatt für Freunde der natürlichen Lebensweise (Vegetarianer)

Die Zeitschrift mit dem sperrigen Titel wurde 1868 von Eduard Baltzer gegründet. Ursprünglich als Vereinsorgan des gleichnamigen Vereins im deutschen Nordhausen gedacht, war das überregionale Interesse derart groß, das Baltzer das Monatsblatt als Plattform für alle deutschsprachigen Vegetarier/innen herausgab.

Für gut zwei Jahrzehnte war das Vereinsblatt das zentrale Medium für alle, die über die unterschiedlichen Facetten vegetarischer Anschauungen, Produktneuheiten und Vereinsaktivitäten informiert sein wollten.[7] 1897 fusionierte es mit der Vegetarischen Warte. Daneben existierten zeitweise regionale Periodika, wie Anfang des 20. Jahrhunderts das Mitteilungsblatt des Wiener Vegetariervereins. Diese erreichten jedoch weder eine überregionale Bedeutung noch die Kontinuität des Vereinsblatts.

Für die Alleinerzieherin Bertha Mutschlechner war das Autorinnenhonorar der Vegetarischen Warte eine wichtige Einnahmequelle. Bild aus: Vegetarische Warte 1913: 89.

Beitragen konnte prinzipiell jede/r: Die Redaktion nahm Zuschriften aller Form an: Längere theoretische Abhandlungen wurde in Fortsetzungen gedruckt, persönliche Erfahrungsberichte über den vegetarischen Werdegang spielten besonders in den 1870er Jahren eine große Rolle, Tipps für den vegetarischen Alltag wurden veröffentlicht und oft in darauffolgenden Ausgaben von anderen Leser/innen kommentiert oder ergänzt, auch Gedichte fanden ihren Platz. Neben den ständigen redaktionellen Mitarbeiter/innen spielten so Abonnent/innen, die einmalig oder gelegentlich Beiträge verfassten, eine wichtige Rolle für den Erfolg der Zeitschrift.

Längere Beiträge im Vereinsblatt

In jeder Ausgabe erschienen ein oder zwei umfangreiche Texte, die sich den unterschiedlichsten Aspekten des Vegetarismus widmeten. Unter den Autor/innen dieser Beiträge ist der Frauenanteil sehr niedrig. In den Ausgaben der drei Jahrzehnte zwischen 1870 und 1900 schrieb lediglich eine Handvoll Frauen für das Vereinsblatt bzw. die Vegetarische Warte. Ähnlich wie bei den männlichen Autoren ist zu beobachten, dass einzelne Autorinnen mehrere Beiträge für die Zeitschrift verfassten und so die Zahl der Beiträge von Autorinnen um ein Vielfaches höher ist als jene der Autorinnen selbst.

Meta Wellmer war nicht nur eine der ersten Frauen, die regelmäßig für das Vereinsblatt schrieben, sie trat zudem mit selbständigen Publikationen zum Tierschutz sowie dem Buch „Die vegetarische Lebensweise und die Vegetarier“ (1877) in Erscheinung. Für das Vereinsblatt steuerte sie beispielsweise 1872 ein Gedicht bei, und zwei Jahre später beschrieb sie „Zwei Reisetage“ in der Schweiz aus vegetarischer Perspektive.[8]

Einen hohen Frauenanteil wies eine Debatte auf, die zwischen 1898 und 1900 über viele Ausgaben der Vegetarischen Warte zum Thema der effektivsten „Propaganda“ (dem damals üblichen Ausdruck für Agitation bzw. Werbung) für die vegetarische Sache geführt wurde.[9] Diese Diskussion ist das einzige Beispiel für ausführliche Wortmeldungen von Frauen zu einem zentralen und viel rezipierten Thema. Hier scheinen durch die ersten Beiträge von Autorinnen weitere Leserinnen zur Einsendung von Texten motiviert geworden zu sein, insgesamt machten Frauen knapp über die Hälfte der Diskutant/innen aus.

Die Redakteure veröffentlichten auch Nachdrucke von relevanten Texten, die davor bereits an anderer Stelle erschienen waren. Darunter finden sich in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre die Übersetzungen einer Rede und eines Vortrags von Anna Kingsford.[10]

Vegetarische Kinderernährung und Erziehung als Frauenthema

Portrait Anna Fischer Dückelmann
Die Medizinerin trat auch in ihrem auflagestarken Ratgeber für die Reduktion des Fleischkonsums ein. Fischer-Dückelmann, Anna: Die Frau als Hausärztin, Stuttgart 1901.

Zahlenmäßig ein großer Anteil von Beiträgen von Autorinnen entfiel auf Themen, die frauenspezifisch waren bzw. dem Bereich Haushalt und Kind zuzuordnen sind. Hier sind vor allem Anna Fischer-Dückelmann, Martha Rammelmeyer und Klara Ebert zu nennen, die ihre Erfahrungen und Tipps zur vegetarischen Säuglings- und Kinderernährung und Erziehung von Kindern „zu echten Vegetariern“ teilten.[11]

In der Rubrik „Haus und Küche“ gaben nicht nur, aber hauptsächlich Frauen wie Bertha Mutschlechner Ratschläge. Sie schrieben über das vegetarische Kochen, stellten einzelne Nahrungsmittel vor und teilten Rezepte mit den Leser/innen. In Rezensionen präsentierten sie neue Geräte und Küchenhelfer. Vereinzelt wurden auch Modeempfehlungen ausgesprochen, abgestimmt auf die Prinzipien von Lebensreformerinnen: So versuchte Bertha Wachsmann ein Bewusstsein gegen die Verwendung von Vogelfedern als Hutschmuck zu schaffen und gab Nähtipps für korsettfreie Wäsche.[12]

Die Frage der Aufgabe der Frau

Für Kontroversen sorgten Überlegungen von Martha Rammelmeyer zur Frage „Wie kann die Frau zur Ausbreitung der naturgemäßen Lebensweise wirken?“[13] Sie plädierte dafür, dass Frauen sich nach ihrer Heirat ausschließlich um die Familie und den Haushalt kümmern sollten, denn „wenn eine Frau all diese Pflichten ernst nimmt, wo bliebe ihr da noch Zeit, hinauszutreten ins Getriebe des öffentlichen Lebens?“[14] Widerspruch erregte dieses Lebensmodell bei Bertha Wachsmann, die in einem Leserbrief für die Berufstätigkeit und damit finanzielle Unabhängigkeit von Frauen eintrat.[15] In einer Replik bekräftigte Rammelmeyer ihren Standpunkt.

Offen geäußerte Meinungsverschiedenheiten waren in den vegetarischen Zeitschriften an der Tagesordnung. Sie entsprachen deren Selbstverständnis als Diskussionsforum und machten deutlich, dass die Vegetarier/innen des 19. Jahrhunderts keine homogene Gruppe waren, sondern unterschiedlichste Standpunkte vertraten, auch was die Frauenbilder betraf.

Insgesamt kann man sagen, dass die vegetarische Bewegung um 1900 zu einem Großteil von Männern getragen wurde. Frauen schien vor allem der gesundheitliche Schwerpunkt der Argumentation wenig anzusprechen. Engagierten sie sich, dannn standen ihnen zwar grundsätzlich alle Funktionen offen, tendenziell konzentrierte sich vegetarischer Aktivismus von Frauen allerdings auf traditionell eben Frauen zugeschriebene Bereiche wie Kochen und Kinderbetreuung. Diese Frauen und ihren Beitrag zur Bewegung darzustellen, ist in weiten Teilen noch ein Desiderat der Forschung.

Birgit Pack

Zum Blog von Birgit Pack: http://veggie.hypotheses.org

Anmerkungen

[1] Vgl. dazu Barlösius, Eva: Naturgemäße Lebensführung. Zur Geschichte der Lebensreform um die Jahrhundertwende. Frankfurt: Campus 1997; Baumgartner, Judith: Vegetarismus. In: Kerbs, Diethart / Reulecke, Jürgen (Hg.): Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880–1933. Wuppertal: Hammer 1998: 127–140.

[2] Zur Mitgliederstatistik in deutschen Vereinen vgl. Krabbe, Wolfgang: Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform: Strukturmerkmale einer sozialreformerischen Bewegung im Deutschland der Industrialisierungsperiode. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1974.

[3] Kingsford war eine der ersten Frauen Großbritanniens, die Medizin studierte. Sie verfasste ihre Doktorarbeit zur vegetarischen Ernährung und setzte sich darüber hinaus gegen Tierversuche ein. Kingfords war frauenpolitisches Engagement umfasste die Forderung nach einem Recht auf Besitz und Bildung für Mädchen und Frauen. Roscher, Mieke: Ein Königreich für Tiere: die Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung. Marburg: Tectum-Verlag 2009.

[4] Siehe dazu etwas ausführlicher: Pack, Birgit: Vegetarierinnen; online unter https://veggie.hypotheses.org/798 (erstellt am 7.3.2019).

[5] Zu Frauenbewegung und Körperpolitik vgl.: Feuchtner, Carmen: „Rekord kostet Anmut, meine Damen!“ Zur Körperkultur von Frauen im Wiener Bürgertum 1880–1930. In: Neuere Frauengeschichte 1992: 127–152.

[6] Vereins-Nachrichten / Vegetarianer-Congress, in: Neue Freie Presse, 26.9.1886: 6. Siehe auch: Tagesnachrichten / Vegetarianer-Congress, in: Das Vaterland, 26.9.1886: 5; beide online unter http://anno.onb.ac.at

[7] 1887 wurde das Vereinsblatt umbenannt in Thalysia, 1889 in Der Vegetarier, vgl. dazu: Pack, Birgit: Vegetarische Zeitschriften im 19. Jahrhundert; online unter https://veggie.hypotheses.org/122 (erstellt am 13.2.2017).

[8] Wellmer, Meta: Zwei Reisetage. In: Vereinsblatt 1874: 1098–1102.

[9] Rammelmeyer, Martha: Eine neue Art von Propaganda. In: Vegetarische Warte 1898: 166–168; Buerdorff, Therese: Propaganda. In: Vegetarische Warte 1899: 252–258; Dies.: Noch einmal: „Ueber Propaganda“. In: Vegetarische Warte 1900: 29–32; Dies.: Ueber „Propaganda“. In: Vegetarische Warte 1900: 121–126; Wachsmann, Bertha: Zur Propagandafrage. In: Vegetarische Warte 1900: 93–95 und Wernicke, Hedwig: Zur Propagandafrage. In: Vegetarische Warte 1900: 153–155.

[10] Kingsford, Anna: Rede [Auszug]. In: Vereinsblatt 1886: 9; Dies.: Vorlesung über einige Seiten der vegetarianischen Frage. In: Vereinsblatt 1888: 134–137.

[11] Fischer-Dückelmann, Anna: Zur Ernährung und Behandlung der Säuglinge. In: Vereinsblatt 1887: 90 und Dies.: Zur Erziehung unserer Kinder. In: Vereinsblatt 1887: 214–215; Ebert-Stockinger, Klara: Zur Frage der Erziehung unserer Kinder zu echten Vegetariern. In: Vereinsblatt 1897: 11–12 und Dies.: Meine Erfahrungen auf dem Gebiete der Kinderpflege. In: Vegetarische Warte 1899: 9–12; Rammelmeyer, Martha: Auch eine Frauenfrage. In: Vegetarische Warte 1897: 278–280.

[12] Wachsmann, Bertha: Vogelmord zu Modezwecken. In: Vegetarische Warte 1897: 350 und Dies.: Ein Kapitel für die Frauen. In: Vegetarische Warte 1899: 43–44.

[13] Rammelmeyer, Martha: Was kann die Frau zur Ausbreitung der naturgemäßen Lebensweise wirken? In: Vegetarische Warte 1896: 47–51.

[14] Ebd.

[15] Wachsmann, B[ertha]: Sprechsaal / Zu dem Aufsatz von Frau Rammelmeyer. In: Vegetarische Warte 1897: 357–358.

Von |2020-12-15T23:26:31+02:0015. Dezember 2020|QuellenArbeit|0 Kommentare

Birgit Pack studierte Geschichte an der Universität Wien und verfasste ihre Diplomarbeit zu „Tierschutz und Antisemitismus“. Seit drei Jahren forscht sie zur Geschichte der vegetarischen Bewegung Wiens und berichtet darüber auf dem Blog „Vegetarisch in Wien um 1900“: http://veggie.hypotheses.org

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